Archiv für die Kategorie ‘Drachengasse’

Bei schönem Wetter empfiehlt es sich, vom Stephansplatz die Rotenturmstrasse runterzuschlendern und kurz bevor man den Schwedenplatz erreicht, rechts abzubiegen. Spaziert man den Fleischmarkt entlang, kann man, wenn’s beliebt, dem lieben Augustin, welcher zugegebenermaßen etwas versteckt ist, Geld in seinen Hut werfen, was anscheinend Glück bringen mag. Die Strasse weiter befindet sich, ebenfalls etwas versteckt in einer Seitengasse, das Theater Drachengasse. Warum ist das so wichtig? Nun, da gibt’s zur Zeit Musical, OFF-MUSICAL, zu erleben und zwar echtes Musical, mit Darstellern die singen, spielen und auch tanzen können, einer Band die richtige Musik macht und wo alles, echt alles, authentisch und ob der Größe des Theaters quasi zum Anfassen ist.

Am Spielplan steht Jonathan Larson’s tick, tick…BOOM! in englischer Sprache. Ein autobiographisches Werk des Machers von RENT.

Zum Inhalt:
Jonathans dreißigster Geburtstag steht kurz vor der Tür, guter Grund für eine aufkeimende Midlife-Crisis. Seine Freundin Susan träumt vom Heiraten und davon aus New York wegzuziehen, sein bester Freund Michael hat sich von der darstellenden Kunst abgewendet, verdient sein Geld in der Marktforschung und genießt die Vorzüge einer gut gefüllten Brieftasche. Mittendrin versucht Jon, DAS amerikanische Musical schlechthin zu schreiben, will damit seine Generation wachzurütteln. Leichter gesagt als getan, die Probleme und Aufgaben des Alltags stellen das eine oder andere zu überwindende Hindernis dar.  Jon setzt seine Hoffnung in den Workshop zu seinem Stück „SUPERBIA“ und ist auch bereit, alles was nötig ist in Kauf zu nehmen, um es endlich am Broadway zu schaffen.  Larson schrieb das tick, tick…BOOM! ursprünglich als  Ein-Personenwerk, später, nach seinem Tod, adaptierte es David Auburn für drei Personen.

Die Drachengasse ist erprobt im Umgang mit spannenden Stücken. Die Regisseurin und Produzentin Joanna Godwin-Seidl hat ihre drei Akteure mit viel Energie und Tempo in Szene gesetzt. Auf kleinstem Raum, quasi zum Anfassen nah, erwecken Kieran Brown (Jon), Alan Burgon (Michael) und Nina Weiss (Susan) ihr persönliches New York zum Leben.  Dass Stephen Sondheim so was wie ein Idol für Larson war, lässt sich nebst namentlicher Erwähnung im Stück auch mittels musikalischer Nuancen eindeutig erkennen. Bei der musikalischen Umsetzung wurde auch auf leise Töne, die ruhigen Momente, nicht vergessen. Zur rechten Zeit das Tempo limitieren ist Birgit Zach (Musik Regie) eindeutig gelungen. Klar, Larson’s Musical-Rock muss krachen, er setzt den Klang der Gitarre als Sprachrohr der Generation, welche er ja so gerne mit seinem Stück wachrütteln möchte, ein. Gerade deswegen ist es besonders wichtig, die ruhigen Momente nicht hastig runterzuspielen, sondern wirken zu lassen.  Da ist er der wohlige Kloß im Hals, das eigentlich unbeschreibliche Gefühl, wenn aus Noten plötzlich Musik wird, die unter die Haut geht.

Kieran Brown, kein Unbekannter in der Drachengasse, hat dort schon etwa in WEST END WINTER und WEST END SPRING mitgewirkt und konnte für die Saisoneröffnung erneut nach Wien geholt werden. Brown gibt Jon (Jonathan Larson), den Komponisten und Träumer, welcher kurz vorm mentalen technischen K.O., dem dreißigsten Geburtstag, steht, charmant authentisch. Die Eröffnung der Show trägt Brown mit einer Ruhe vor, die einen auf den Sitzen hin und her rutschen lässt, man spürt, dass etwas in ihm brodelt und noch bevor er zu singen beginnt, hat er einen bereits in seinen Bann gezogen. Was geht in ihm vor, wohin bringt er uns mit seiner Geschichte? Sofort kommt die Antwort wie ein Schlag ins Gesicht, sein dreißigster Geburtstag steht bevor. Mag etwas überzogen erscheinen, aber die magische 3 markiert einen nicht unbedeutenden Punkt in unsrem Leben. Haus, Frau/Mann, Familie, oder in Jon’s Fall sein Broadway Hit, alles Träume die es zu erreichen gilt, Ziele die man sich bereits im Schulalter gesteckt hat und wie viele haben heimlich zu Hause vorm Spiegel mehr als einmal ihre Dankesrede für den OSCAR geübt? Eben. Die 3 hat mehr an sich, als man ihr zugestehen möchte. Kieran Brown ist ein exzellenter Musicaldarsteller, wie man ihn sich nur wünschen kann. Seine Stimme hat Kraft, Charakter und sitzt auch in den leisen Passagen, er harmonisiert im Umgang mit den Kollegen, zeigt eine Präsenz die spürbar ist, selbst wenn das Licht ausgeht.
Ihm zur Seite steht Alan Burgon, ebenfalls Drachengassen erprobt (Ordindary Days), als bester Freund Michael und auch der hat stimmlich einiges zu bieten. Die Freundschaft zwischen Jon und Michael nimmt man den beiden Darstellern von Beginn an ab, es ist nicht dieses „komm wir tun so als wären wir super toll drauf“ Spielchen, sondern sie sind einfach nur Freunde. Kein Kitsch, kein Geschleime, nur Freunde.

Als Dritte im Bunde gibt Nina Weiss die Freundin von Jon. Susan ist Tänzerin, träumt von einem Leben außerhalb der Stadt, kann Jon aber schwer davon begeistern. Weiss spielt nicht nur eine Tänzerin, sie bewegt sich wie eine, sie sieht aus wie eine, kurzum sie ist eine Tänzerin und das Powerbündel in der Runde, ihrem Funkeln in den Augen kann man sich kaum entziehen, es macht Spaß jemandem zuzusehen, der selbst so viel Spaß an dem hat, was er tut. Die Männer hat sie fest im Griff, dass Weiss im Vergleich zu den Kollegen kein Native Speaker ist, fällt einem beinahe gar nicht auf. Ihr Englisch sauber, frei von österreichischen Akzenten und glaubwürdig.

Glaubwürdig war auch die Inszenierung als Gesamtes. Die zu Beginn vorhandene Skepsis ob des Klangerlebnisses wurde rasch vom Tisch gefegt, Joanna Goldwin-Seidl hat das Stück temporeich, aber mit der notwendigen Ruhe und Ernsthaftigkeit umgesetzt, einer Ernsthaftigkeit, welche vielerorts ins Hintertreffen geraten ist. Goldwin-Seidl beweist mit ihrer Inszenierung von tick, tick…BOOM!, dass auch Wien eine OFF-Musical Szene besitzt, die einiges zu bieten hat. Die Spielzeit ist allerdings limitiert, der letzte Termin ist der 12.10.2013, danach ist es zu spät!

©vienna theatre project

©vienna theatre project

Infos zum Stück unter: www.viennatheatreproject.com
oder auf Facebook: www.facebook.com
Die Seite des Theaters: www.drachengasse.at

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