Sophisitcated enough? Sweeney Todd Premiere an der Wiener Volksoper

Veröffentlicht: September 16, 2013 in Allerlei, Neues, Premiere, Theater, Volksoper, Wien

Der Sommer findet sein Ende, die ersten Blätter verfärben sich bereits, viele Freiluftbühnen blicken auf eine erfolgreiche Sommersaison zurück, nur wenige müssen einen Rückgang der Besucherzahlen hinnehmen und ihre Stückwahl realistisch reflektieren, um im folgenden Jahr nicht erneut hinter den Erwartungen zu bleiben.
Die Volksoper startet noch vor den anderen Musicalbühnen in die Herbstsaison und das gleich mit einem Kracher. SWEENEY TODD steht auf dem Spielplan, Stephen Sondheims Werk über einen rachsüchtigen Barbier im viktorianischen London.

Volksoperndirektor Robert Meyer ist es geglückt, Stephen Sondheim für die Premiere nach Wien zu bringen. Wohl eine Sensation im sonst eher gebeutelten Musical-Wien. Ein Kenner und Könner seines Fachs ist Sondheim ohne Zweifel. Seine Stücke finden sich eher selten auf den Spielplänen großer Häuser, zu hoch sei das Risiko, zu komplex, zu wenig massentauglich. Solche und ähnliche Aussagen werden nicht selten von Musicalproduzenten getroffen. Auf die Frage, was denn ein Sondheim Publikum sei, antwortete dieser: A more sophisticated audience!
Eben genanntes Publikum (Angaben ohne Gewähr) fand sich auch am Premierenabend in der Volksoper ein, um, in Anwesenheit des Erschaffers, dem Gemetzel in der Fleet Street beizuwohnen.

Die Londoner Fleet Street gibt es übrigens wirklich. In der Geschichte der britischen Presse ist sie fest verankert. Viele große Nachrichtenagenturen hatten über  Jahre hinweg ihren Sitz in der Fleet Street. Mittlerweile befinden sich dort Anwaltskanzleien und Gerichtsgebäude, auch ein nicht gerade unblutiges Business.

Matthias Davids inszeniert düster und bedrohlich. Dessen Sweeney Todd (Morten Frank Larsen) gibt kaum Einblick in sein Seelenleben, stapft getrieben von Rache über die Bühne, so, dass es zu Beginn ein wenig steif rüber kommt.

© Barbara Pálffy/Volksoper

© Barbara Pálffy/Volksoper

Besagte Steifigkeit hält Larsen das gesamte Stück über aufrecht, beinahe möchte man Mitleid empfinden für den etwas plump auf der Bühne auf und ab rennenden, armen Barbier, Opfer ungerechter Gräueltaten Richter Turpins. Aber nur beinahe. Larsens Stimme, sein unendlich tief greifender Bariton bringt die Grausamkeit, die von Todd ausgehende Bedrohung, so richtig zur Geltung. Die Mischung aus steifem, ja beinahe tollpatschigem Habitus und kräftig dunkler Stimme erschafft einen etwas anderen Sweeney Todd, aber einen, den man einfach fürchten muss. Larsen sprach vorab in einem Standard Interview darüber, dass man gerade bei Stücken wie Sweeney Todd Mut zur Hässlichkeit haben muss, auch beim Gesang. Hässlich gesungen hat Larsen bei Weitem nicht, an manchen Stellen die Kraft gezügelt und wo es passt auch mal den Text mehr gebrüllt denn gesungen.

Vorzüglich seine Technik, lediglich die Abmischung mit dem Orchester ist an manchen Stellen etwas misslungen, was die Textverständlichkeit ein wenig erschwerte. Apropos Text. Es handelt sich hier um eine deutschsprachige Produktion, folglich wird auch auf Deutsch gesungen, was gerade bei Stücken wie Sweeney Todd eine Herausforderung darstellt. Sondheim selbst sprach bei der Pressekonferenz von eben dieser Schwierigkeit, die ein Übersetzer zu bewältigen hat. Während bei anderen Stücken genügend Zeit in der Musik bleibt, um die Botschaft zu transportieren, ist diese bei Sweeney Todd Mangelware. Nicht nur der Übersetzer, auch die Darsteller sind gefordert. Verständlichkeit und Textsicherheit sind gerade bei Sondheim Stücken von großer Wichtigkeit, zu schnell verliert man den Faden, wenn Darsteller phonetische Defizite aufweisen und wichtige Passagen sich in der Unverständlichkeit verlieren.
Unangenehme Erscheinungen, welche einem in der Volksoper erspart blieben.
Neben Larsen geigt Dagmar Hellberg als durchtriebene und skrupellose Mrs. Lovett ordentlich auf. Hellberg ist die Rolle nicht fremd, sie hatte bereits mehrmals zuvor das Vergnügen Pasteten unters Volk zu bringen. Hellberg versteht es, sich Rollen eigen zu machen. Schamlos und frei von jeglichem natürlichen Ekelgefühl umschmeichelt und umgarnt sie Sweeney Todd. Mrs. Lovetts teuflischen Plan, Menschenfleisch für ihre Pasteten zu verwenden, präsentiert sie unerlaubt charmant, man vergisst beinahe, dass es Menschen sind, die getötet, zu Pasteten verarbeitet und als solche an hungrige Kunden verkauft werden. Eine abartige Geschäftsidee, doch Hellberg versteht es, ihren Barbier und zumindest für einen kurzen Moment auch das Publikum davon zu überzeugen, dass Mrs. Lovetts Plan profitabel und logisch ist.
Hellberg ist die Idealbesetzung schlechthin, schauspielerisch wie gesanglich immer am Punkt, schafft mit Leichtigkeit Authentizität und erhält zu Recht frenetischen Applaus für ihre Darbietung.

Ebenfalls mit von der Partie Direktor Robert Meyer als wahrlich boshafter Richter Turpin. In Zeiten wie diesen, wo Themen wie Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und dergleichen immer wieder in den Medien präsent sind, wirken manche Szenen von Richter Turpin besonders erschreckend und aufwühlend, besonders, wenn dieser seinem Büttel Bamford (Kurt Schreibmayer) eröffnet, sein Mündel Johanna (bezaubernd Anita Götz) ehelichen zu wollen und Bamford das Vorhaben nicht mal im Ansatz hinterfragt, sondern befürwortet und den Richter sogar bestärkt.

Abstoßend und widerlich ist Robert Meyers Richter, wenn auch bei seiner Selbstgeißelung etwas zu zaghaft strotzt er vor Boshaftigkeit, die bis in den Zuschauerraum spürbar ist. Meyer ist gelernter Schauspieler und als solcher in der Lage, die unterschiedlichsten Charaktere glaubhaft zu verkörpern. Mag sein dass einige seine Besetzungsphilosophie kritisieren, Meyer könnte auch einen Stuhl spielen und man würde ihm mit Freuden dabei zusehen.

Ebenfalls erschreckend authentisch Patricia Nessy in der Rolle der Bettlerin Lucy, Sweeney Todds durch Richter Turpin geschändete Ehefrau ist zwar keine zentrale, aber dennoch sehr tragische Figur. Zerrissenheit, Verzweiflung, Not und Elend, all das wusste Nessy gekonnt zu transportieren und trotz ihres eher unansehnlichen Erscheinungsbildes zu gefallen.

Für Nachhaltigkeit gesorgt hat auch Tom Schimon (Tobias Ragg). Seine Stimme ist passend für den juvenilen Charakter, welchen er mit viel Naivität und zeitweise sogar ein wenig minderbemittelt präsentiert. Schimon muss sich nicht hinter seinen Bühnenkollegen verstecken, sein Spiel ist charmant und erfrischend, hat aber auch düstere Elemente.

© Barbara Pálffy/Volksoper

© Barbara Pálffy/Volksoper

Das Geschehen auf der Bühne wäre nur halb so gut, wenn da nicht das große Orchester wäre.
Unter der Leitung von Joseph R. Olefirowicz spielt der Klangkörper der Volksoper groß auf und serviert dem Premierenpublikum einen musikalischen Leckerbissen nach dem anderen.
Dies ist heutzutage eher selten zu erleben, Kenner des Genres wissen, das an vielen Musicalhäusern gern geschummelt und etwa Musik aus der Dose hinzugefügt wird.
Olefirowicz weiß wie man einen Sondheim zu spielen hat, diabolische Elemente erfüllen ebenso den Raum wie lieblichere Themen, Orchester und Sänger erschaffen eine Harmonie, in der beide Elemente Raum erhalten, ohne dem anderen Platz zu rauben.

Die Volksoper legt die Latte mit Sweeney Todd sehr hoch. Österreichs Medienwelt spricht bereits von einer beachtlichen Konkurrenz für die Musicalbühnen der VBW.
Sondheims Werk verlangt auch vom Zuseher einiges ab, man muss sich auf die Geschichte einlassen, bereit sein mitzudenken und sich nicht nur berieseln zu lassen. Sondheim nimmt das Genre ernst und erwartet dies auch von seinem Publikum.

Also, sophisticated enough? Dann ab ins Haus am Gürtel denn es gibt wieder Musical in der Stadt.

Infos zum Stück: www.volksoper.at
Werkseinführung des Hausdramaturgen: www.youtube.com
Die Volksoper auf facebook: www.facebook.com

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Kommentare
  1. Hari sagt:

    Hat dies auf HARIs BLOG rebloggt und kommentierte:
    Gute Kritik zu Sweeney Todd. Macht gleich noch mehr Freude drauf. „Sophisticated enough? Dann ab ins Haus am Gürtel denn es gibt wieder Musical in der Stadt.“

  2. Hari sagt:

    Toller Text. Jetzt freu ich mich noch mehr auf das Stück! Habs gleich rebloggt!

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