Archiv für September, 2013

Der Sommer findet sein Ende, die ersten Blätter verfärben sich bereits, viele Freiluftbühnen blicken auf eine erfolgreiche Sommersaison zurück, nur wenige müssen einen Rückgang der Besucherzahlen hinnehmen und ihre Stückwahl realistisch reflektieren, um im folgenden Jahr nicht erneut hinter den Erwartungen zu bleiben.
Die Volksoper startet noch vor den anderen Musicalbühnen in die Herbstsaison und das gleich mit einem Kracher. SWEENEY TODD steht auf dem Spielplan, Stephen Sondheims Werk über einen rachsüchtigen Barbier im viktorianischen London.

Volksoperndirektor Robert Meyer ist es geglückt, Stephen Sondheim für die Premiere nach Wien zu bringen. Wohl eine Sensation im sonst eher gebeutelten Musical-Wien. Ein Kenner und Könner seines Fachs ist Sondheim ohne Zweifel. Seine Stücke finden sich eher selten auf den Spielplänen großer Häuser, zu hoch sei das Risiko, zu komplex, zu wenig massentauglich. Solche und ähnliche Aussagen werden nicht selten von Musicalproduzenten getroffen. Auf die Frage, was denn ein Sondheim Publikum sei, antwortete dieser: A more sophisticated audience!
Eben genanntes Publikum (Angaben ohne Gewähr) fand sich auch am Premierenabend in der Volksoper ein, um, in Anwesenheit des Erschaffers, dem Gemetzel in der Fleet Street beizuwohnen.

Die Londoner Fleet Street gibt es übrigens wirklich. In der Geschichte der britischen Presse ist sie fest verankert. Viele große Nachrichtenagenturen hatten über  Jahre hinweg ihren Sitz in der Fleet Street. Mittlerweile befinden sich dort Anwaltskanzleien und Gerichtsgebäude, auch ein nicht gerade unblutiges Business.

Matthias Davids inszeniert düster und bedrohlich. Dessen Sweeney Todd (Morten Frank Larsen) gibt kaum Einblick in sein Seelenleben, stapft getrieben von Rache über die Bühne, so, dass es zu Beginn ein wenig steif rüber kommt.

© Barbara Pálffy/Volksoper

© Barbara Pálffy/Volksoper

Besagte Steifigkeit hält Larsen das gesamte Stück über aufrecht, beinahe möchte man Mitleid empfinden für den etwas plump auf der Bühne auf und ab rennenden, armen Barbier, Opfer ungerechter Gräueltaten Richter Turpins. Aber nur beinahe. Larsens Stimme, sein unendlich tief greifender Bariton bringt die Grausamkeit, die von Todd ausgehende Bedrohung, so richtig zur Geltung. Die Mischung aus steifem, ja beinahe tollpatschigem Habitus und kräftig dunkler Stimme erschafft einen etwas anderen Sweeney Todd, aber einen, den man einfach fürchten muss. Larsen sprach vorab in einem Standard Interview darüber, dass man gerade bei Stücken wie Sweeney Todd Mut zur Hässlichkeit haben muss, auch beim Gesang. Hässlich gesungen hat Larsen bei Weitem nicht, an manchen Stellen die Kraft gezügelt und wo es passt auch mal den Text mehr gebrüllt denn gesungen.

Vorzüglich seine Technik, lediglich die Abmischung mit dem Orchester ist an manchen Stellen etwas misslungen, was die Textverständlichkeit ein wenig erschwerte. Apropos Text. Es handelt sich hier um eine deutschsprachige Produktion, folglich wird auch auf Deutsch gesungen, was gerade bei Stücken wie Sweeney Todd eine Herausforderung darstellt. Sondheim selbst sprach bei der Pressekonferenz von eben dieser Schwierigkeit, die ein Übersetzer zu bewältigen hat. Während bei anderen Stücken genügend Zeit in der Musik bleibt, um die Botschaft zu transportieren, ist diese bei Sweeney Todd Mangelware. Nicht nur der Übersetzer, auch die Darsteller sind gefordert. Verständlichkeit und Textsicherheit sind gerade bei Sondheim Stücken von großer Wichtigkeit, zu schnell verliert man den Faden, wenn Darsteller phonetische Defizite aufweisen und wichtige Passagen sich in der Unverständlichkeit verlieren.
Unangenehme Erscheinungen, welche einem in der Volksoper erspart blieben.
Neben Larsen geigt Dagmar Hellberg als durchtriebene und skrupellose Mrs. Lovett ordentlich auf. Hellberg ist die Rolle nicht fremd, sie hatte bereits mehrmals zuvor das Vergnügen Pasteten unters Volk zu bringen. Hellberg versteht es, sich Rollen eigen zu machen. Schamlos und frei von jeglichem natürlichen Ekelgefühl umschmeichelt und umgarnt sie Sweeney Todd. Mrs. Lovetts teuflischen Plan, Menschenfleisch für ihre Pasteten zu verwenden, präsentiert sie unerlaubt charmant, man vergisst beinahe, dass es Menschen sind, die getötet, zu Pasteten verarbeitet und als solche an hungrige Kunden verkauft werden. Eine abartige Geschäftsidee, doch Hellberg versteht es, ihren Barbier und zumindest für einen kurzen Moment auch das Publikum davon zu überzeugen, dass Mrs. Lovetts Plan profitabel und logisch ist.
Hellberg ist die Idealbesetzung schlechthin, schauspielerisch wie gesanglich immer am Punkt, schafft mit Leichtigkeit Authentizität und erhält zu Recht frenetischen Applaus für ihre Darbietung.

Ebenfalls mit von der Partie Direktor Robert Meyer als wahrlich boshafter Richter Turpin. In Zeiten wie diesen, wo Themen wie Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und dergleichen immer wieder in den Medien präsent sind, wirken manche Szenen von Richter Turpin besonders erschreckend und aufwühlend, besonders, wenn dieser seinem Büttel Bamford (Kurt Schreibmayer) eröffnet, sein Mündel Johanna (bezaubernd Anita Götz) ehelichen zu wollen und Bamford das Vorhaben nicht mal im Ansatz hinterfragt, sondern befürwortet und den Richter sogar bestärkt.

Abstoßend und widerlich ist Robert Meyers Richter, wenn auch bei seiner Selbstgeißelung etwas zu zaghaft strotzt er vor Boshaftigkeit, die bis in den Zuschauerraum spürbar ist. Meyer ist gelernter Schauspieler und als solcher in der Lage, die unterschiedlichsten Charaktere glaubhaft zu verkörpern. Mag sein dass einige seine Besetzungsphilosophie kritisieren, Meyer könnte auch einen Stuhl spielen und man würde ihm mit Freuden dabei zusehen.

Ebenfalls erschreckend authentisch Patricia Nessy in der Rolle der Bettlerin Lucy, Sweeney Todds durch Richter Turpin geschändete Ehefrau ist zwar keine zentrale, aber dennoch sehr tragische Figur. Zerrissenheit, Verzweiflung, Not und Elend, all das wusste Nessy gekonnt zu transportieren und trotz ihres eher unansehnlichen Erscheinungsbildes zu gefallen.

Für Nachhaltigkeit gesorgt hat auch Tom Schimon (Tobias Ragg). Seine Stimme ist passend für den juvenilen Charakter, welchen er mit viel Naivität und zeitweise sogar ein wenig minderbemittelt präsentiert. Schimon muss sich nicht hinter seinen Bühnenkollegen verstecken, sein Spiel ist charmant und erfrischend, hat aber auch düstere Elemente.

© Barbara Pálffy/Volksoper

© Barbara Pálffy/Volksoper

Das Geschehen auf der Bühne wäre nur halb so gut, wenn da nicht das große Orchester wäre.
Unter der Leitung von Joseph R. Olefirowicz spielt der Klangkörper der Volksoper groß auf und serviert dem Premierenpublikum einen musikalischen Leckerbissen nach dem anderen.
Dies ist heutzutage eher selten zu erleben, Kenner des Genres wissen, das an vielen Musicalhäusern gern geschummelt und etwa Musik aus der Dose hinzugefügt wird.
Olefirowicz weiß wie man einen Sondheim zu spielen hat, diabolische Elemente erfüllen ebenso den Raum wie lieblichere Themen, Orchester und Sänger erschaffen eine Harmonie, in der beide Elemente Raum erhalten, ohne dem anderen Platz zu rauben.

Die Volksoper legt die Latte mit Sweeney Todd sehr hoch. Österreichs Medienwelt spricht bereits von einer beachtlichen Konkurrenz für die Musicalbühnen der VBW.
Sondheims Werk verlangt auch vom Zuseher einiges ab, man muss sich auf die Geschichte einlassen, bereit sein mitzudenken und sich nicht nur berieseln zu lassen. Sondheim nimmt das Genre ernst und erwartet dies auch von seinem Publikum.

Also, sophisticated enough? Dann ab ins Haus am Gürtel denn es gibt wieder Musical in der Stadt.

Infos zum Stück: www.volksoper.at
Werkseinführung des Hausdramaturgen: www.youtube.com
Die Volksoper auf facebook: www.facebook.com

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Schon mal was von Petronell- Carnuntum gehört? Nein? Östlich von Wien liegt die Marktgemeinde, welche  Österreichs größtes Römermuseum beherbergt, die Einheimischen schwören auf den hiesigen Weinanbau, einladende Heurigen und schmackhafte Hausmannskost aus dem Gebiet. Das ist aber noch nicht alles, gibt es da noch das Amphitheater Petronell-Carnuntum. Eine stimmige und wetterfeste Location für Konzerte an lauen Sommerabenden und heuer erstmals Herberge für die Konzertreihe Musical-Unplugged. Wer in letzter Zeit einer von diversen sogenannten Musical Galas beiwohnen durfte, bekam es oft mit zweifelhaften Interpretationen, schiefen Tönen, massenhaft Glitzer und Selbstbeweihräucherung, aber weniger mit wahrem Musicalgut zu tun.Zu oft standen sich selbstüberschätzende Künstler und die zweifelhafte Liedauswahl im Vordergrund, das Wesentliche, die Musik an sich blieb da im Hintertreffen.

 Anders bei Musical-Unplugged. Der Dresscode ist simpel, schwarzes Hemd zu schwarzer Hose, elegant ohne aufdringlich zu wirken. Auf Kulissen wird ebenso verzichtet wie auf nichtsaussagende Anmoderationen oder zusammengereimte Memoiren aus Kindertagen. Hier geht es um die Musik, um das, was Musical so besonders macht. Lieder die einen berühren, gesungen von Künstlern die auch in der Lage dazu sind aus ein paar Noten eine Geschichte zum Leben zu erwecken. Ebendiese Mischung an Sängern  hat Schützenhofer gefunden und mit ins Amphitheater gebracht.

Am ersten Abend hatten die Darsteller die Möglichkeit solistisch mit ihrem Können aufzuzeigen, die Gruppe auf der Bühne schaffte es eine Authentizität zu kreieren, die an manch anderem Ort bereits beim Betreten des Saales fluchtartig von einem weicht. Etwaige Textunsicherheiten haben in keinster Weise gestört, sondern den Charme des Gesamtkonstruktes noch ein wenig mehr aufgewertet. Dargeboten wurden Lieder aus diversen allgemein bekannten Musicals, vom Klavier erklang ein Vielfaches mehr als das. Florian C. Reithner ist wohl der personifizierte Alptraum jedes Möchtegern Musicalstars. Zu gern hält er dem Genre den Spiegel vor, verfeinert die Partituren mit musikalischen Anekdoten anderer zumeist sehr bekannter, wenn nicht gar berühmter Kompositionen aus verschiedensten Sparten. Geschickt verpackt ergibt dies ein amüsantes Ratespiel und verweist auf eigentlich unübersehbare Parallelen hin. Wer als Sänger sein Handwerk nicht versteht oder es gewohnt ist jedes Mal zum selben stupiden Click Track zu singen, wird es mit Reithner bedeutend schwer haben, denn der vertieft sich nur all zu gern in sein Spiel, verfeinert manch abgedroschene Musicalnummer mit vorhin erwähnten Nuancen und verleiht dem Ganzen damit zusätzlich eine besondere Note. Seine Finger fliegen quasi über die Tasten und hätte Reithner GoPros über seinen Händen, würde dies mit Sicherheit interessantes Filmmaterial ergeben. Die Protagonisten des Abends wussten allesamt mit ihrem Handwerk umzugehen und es in feinster Art und Weise zu präsentieren. Egal ob Musical-Unplugged Inventar Jakob Semotan, die neu dazugestoßenen Ricardo Greco und Rory Six, Allround-Talent Martin Pasching oder der holländische Vokalkünstler Luv Devens, sie haben mit Reithners Zutun einen unvergesslichen Abend fern ab von Wien kreiert.

©Martin Hofbauer

©Martin Hofbauer

 Musical-Unplugged die Zweite.

Statt Martin Pasching stand an diesem Abend Schützenhofer selbst auf der Bühne. Die Sänger wussten von Beginn an zu gefallen, ebenso Reithner, der wie am Abend zuvor unter Zuhilfenahme seines Klaviers ein musikalisches Kreuzworträtsel aus dem Ärmel zauberte. Ricardo Greco und Rory Six haben mit ihrer Interpretation von TOT ZU SEIN IST KOMISCH (Tanz der Vampire) einen komödiantischen Höhepunkt des Abends erschaffen, keine Doppeldeutigkeit, und sei sie auch nur im Ansatz vorhanden gewesen, haben die beiden ausgelassen und dadurch eine äußerst anrüchige Performance abgegeben, ohne das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Woran viele Darstellerinnen zuvor kläglich gescheitert sind, erschien bei den beiden Herren, als wäre es ein Kinderspiel. Ebenfalls ein Fest fürs Ohr das Frauenterzett WER KANN SCHON OHNE LIEBE SEIN (3 Musketiere). Grecos Stimme ist auch in den Höhen sattelfest und glasklar, Six legt unheimlich viel Pathos in seinen Gesang und Semotan rundet mit seiner warmen Stimme das Hörerlebnis zusätzlich noch ab. Ohne Kostüme, Kulisse oder großes Orchester wurde Musical in Reinform dargeboten. Ihre Stimmen haben sich nicht duelliert, keiner wollte den Anderen übertreffen oder sich in den Vordergrund stellen, es wurde nicht nur gemeinsam, sondern miteinander gesungen, das Lied und die zu erzählenden Geschichten mit Leben gefüllt.

©Martin Hofbauer

©Martin Hofbauer

Unbedingt erwähnenswert und mittlerweile ein Fixpunkt im Musical-Unplugged Programm, das Duell-Duett von Schützenhofer und Semotan. Der Mix aus mehreren Musicalsongs gespickt mit einer Unmenge an Doppeldeutigkeiten und dem Spiel miteinander ist ein erfolgreicher Angriff auf die Lachmuskeln der Zuseher, während Schützenhofer äußerst homophil Semotans Nähe sucht, zieht dieser ohne jegliche Hemmung über seinen Duettpartner her.

Überboten wurde die Schützenhofer/Semotansche Hass-Liebesbekundung aber diesmal durch eine nicht ganz so geplante Aktion. Während Luc Devens GETHSEMANE (Jesus Christ Superstar) trällerte, hatte Reithner mit seinen Noten zu kämpfen, welche sich in der Mitte des Liedes nicht und nicht umblättern ließen. Reithner war somit zum Improvisieren gezwungen und derart begeistert davon, dass er nach Beendigung des Liedes die dazugehörigen Noten vor aller Augen in mehrere Teile zerrissen hat. Ein Bild gewordener Ausdruck von Reithners divergierender Beziehung zum Musical.

Abseits der großen Musicalbühnen des Landes, vor den Toren Wiens, ist es Schützenhofer mit Hilfe von begnadeten Sängern und einem Virtuosen am Klavier geglückt, dem Genre mit einer gehörigen Portion Humor Nachhaltigkeit zu verschaffen, ohne jedoch das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Musical kann mehr als nur bunt, schrill und dämlich sein. Die Lieder erzählen Geschichten, vermitteln Emotionen, sollen den Zuseher erreichen und fesseln, ihn mitnehmen auf eine Reise. Dazu gehört mehr als aufwendiges Bühnenbild, glitzernde Kostüme oder große Namen auf Plakaten, es benötigt vor allem Herz, denn letzen Endes geht es ums Gefühl, dies zu vermitteln ist eine Kunst, die manchen einfach nicht gegeben scheint.

Kunst gibt nichts Sichtbares wieder, Kunst macht sichtbar. (Paul Klee)

Die Homepage zu Musical-Unplugged:  www.musical-unplugged.at

Musical-Unplugged auf facebook.com

Musical-Unplugged auf youtube.com

Infos zum Veranstaltungsort: www.culturcarnuntum.at