Archiv für die Kategorie ‘Künstler’

An American in Europe!

Veröffentlicht: Februar 8, 2014 in Allerlei, Künstler, Volksoper, Wien

Die Rede ist von Joseph R. Olefirowicz, dem Taktgeber von Musicals wie SWEENEY TODD oder GUYS and DOLLS an der Wiener Volksoper. Unser Gespräch findet im Anschluss an eine Bühnenprobe von GUYS and DOLLS statt und Olefirowicz kommt aus dem Schwärmen kaum noch heraus. „Tolles Stück, super Musik, wunderbare Künstler im Graben und auf der Bühne“, sprudelt es förmlich aus seinem Mund heraus. Seine Leidenschaft ist derart ansteckend, dass man am liebsten losrennen und sofort Karten kaufen möchte. Hier spricht ein Mann der das Genre nicht nur kennt, sondern es auch schätzt.

Europäischen Boden hat der aus Massachusetts stammende US-Amerikaner erstmals 1994 im Rahmen einer Tournee  von Leonard Bernsteins ON THE TOWN betreten und sich gleich entschlossen für länger zu bleiben.Die Liste der von ihm geleiteten Musicals ist lang und sehenswert. Er hat, noch zu Zeiten in denen STELLA den Musicalmarkt Deutschlands beherrschte, seinen Taktstock etwa bei MISS SAIGON, DIE SCHÖNE UND DAS BIEST, DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME oder auch STARLIGHT EXPRESS geschwungen und mit Ausnahme vom Rollschuhdauerbrenner in Bochum, wo nie mehr als 17 Musiker im Graben waren, immer Musicalorchester geleitet die in etwa 25 Mann/Frau stark gewesen sind. Leider ist diese Menge an Musikern an den kommerziell geführten Häusern immer seltener anzutreffen. Es gibt laut Olefirowicz aber auch positive Entwicklungen zu verzeichnen, er weist darauf hin, dass die Vielzahl an deutschsprachigen Darstellern auf der Bühne nicht immer selbverständlich war, sondern sich erst in den letzen Jahren etabliert hat.

Desweiteren betont Olefirowicz, nicht unbegründet stolz, dass während der Zeit in der er an klassischen Häusern Musicalproduktionen betreut die Orchesterbesetzung stetig zunimmt. Für SWEENEY TODD etwa sind 47! Musiker im Graben um Sondheims Melodien erklingen lassen. Ein Grinsen kann sich J.R. Olefirowicz dabei natürlich nicht verkneifen, die Freude ein solch großes, das wohl größte Musicalorchester Wiens, leiten zu können, steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Wenn wir schon beim Thema Orchester sind kommen wir nicht dran vorbei über die jüngsten Geschehnisse am heimischen Musicalsektor zu sprechen. Orchesterkürzungen die mittlerweile niemand mehr verleugnen kann (siehe etwa MAMMA MIA!) treffen ihn mitten in seine Musikerseele. Für die deutschsprachige Erstaufführung von NATÜRLICH BLOND hat Olefirowicz tröstliche Worte, es sei eine tolle Produktion gewesen, er habe sich wunderbar unterhalten auch wenn ihm die deutschen Texte nicht wirklich zugesagt haben und er fände schade, dass es nicht funktionierte. LOVE NEVER DIES hingegen sei wunderbar gewesen und er geht sogar soweit zu behaupten, es sei eine der besten Partituren, die Andrew Lloyd Webber jemals geschrieben hat. Getragen wurde das Ganze von einem wunderbaren Orchester in Höchstform, welches man in dieser Form vielleicht zum letzen Mal erleben durfte. Wir bleiben ein wenig beim Thema Vereinigte Bühnen Wien und deren Entwicklung hängen, dann sagt J.R. Olefirowicz etwas sehr Spannendes und regt damit durchaus zum Nachdenken an, denn er sieht die Zukunft von ernstzunehmenden Musicals vermehrt in Häusern wie der Volksoper. Hier stoppt der Lesefluss. Wer seinen Augen nicht traut oder glaubt sich verlesen zu haben, sollte die vorherigen Zeilen einfach nochmals lesen. J.R. trifft damit voll ins Schwarze. Er spricht von ernstzunehmenden Musicals mit anspruchsvollen Geschichten, die das Publikum fordern und es nicht mit von fadisierenden Melodien begleitetem sinnfreien Gehopse und undefinierbarem Gesangsbrei aus der Dose langweilen.

J.R.Olefirowicz durfte die Premiere von SWEENEY TODD unter Beisein des Machers, Stephen Sondheim, leiten. Ein, wie er sagt, ganz besonderer Moment in seiner Karriere, die sehr früh begonnen hat. J.R. war als Kleinkind schon eng mit dem Theater und der Musik verbunden. Mit 23 war er etwa, wie er es nennt, „Chef“ bei STARLIGHT EXPRESS, „viel zu jung“ wirft er sofort ein und doch möchte er die Zeit keinesfalls missen, wenn er auch vielleicht einiges anders machen würde. „Die menschliche Reife war noch in der Entwicklung, ganz zu Schweigen von den damals noch fehlenden Sprachkenntnissen.“ Verändert habe sich seine Herangehensweise an ein Stück über die Jahre kaum, er sei aber ruhiger geworden und überlege mittlerweile zweimal vor dem Korrigieren des Orchesters. Zuerst hören und dann erst Kritik anbringen, etwas das sich laut J.R.Olefirowicz erst mit der Zeit einspielt.

©Barbara Pallfy

Stephen Sondheim im Gespräch mit Joseph R. Olefirowicz

J.R. ist ein Dirigent dem kein Sänger etwas vormachen kann, er verfügt über eine Gesangsausbildung. Schwer sei es für ihn bei den Proben nicht zu viel mitzusingen, das gesteht er gleich ein, doch er kann nachvollziehen was Sänger teilweise durchmachen, versteht ihre Problematik und kann mit Rat und Tat zur Seite stehen. Gesangsverständnis, so sagt Olefirowicz, kommt im kommerziellen Musiktheater immer häufiger zu kurz, die Fähigkeit zu singen sei nichts, was einem in die Wiege gelegt werden kann. Gewiss, Talent haben manche mehr und manch andere weniger, aber das Singen an sich und der Umgang mit der Stimme muss erlernt werden, denn wie es klingt wenn die Stimme nicht macht was der Darsteller will, davon können viele Theaterbesucher bereits ein Lied singen.

Zurückkommend auf Stephen Sondheim erzählt J.R., dass der große Meister sehr zufrieden gewesen sei mit der Inszenierung und was die Orchestrierung betrifft, so hatte er 2! (andere schreiben ganze Bücher voll mit Anmerkungen) Änderungsvorschläge. Einen, so Olefirowicz, habe er umgesetzt, den anderen aber ad acta gelegt, da dieser aufgrund der deutschen Sprache und ihrem Silbenreichtum einfach unmöglich sei. Die Zusammenarbeit mit Regisseur Matthias Davids habe Olefirowicz übrigens sehr genossen, er spricht von einer selten zu findenden Synergie zwischen Regie und musikalischer Leitung. SWEENEY TODD konnte beim Pulikum punkten, Grund genug weitere Sondheimstücke zu etablieren. Das Publikum sei bereit dafür, befindet Olefirowicz, er spricht den Theaterbesuchern des Landes quasi ein Kompliment aus wenn er sagt, „das deutschsprachige Publikum will gefordert werden.“ Dass er mit seinem Taktstock einiges bewegen kann ist J.R. Olefirowicz bewusst, dennoch betont er immer wieder, dass die Kunst von den Musikern und den Sängern kommt, er selbst bezeichnet sich und seine Tätigkeit als „Facilitator“ oder auch „menschliches Metronom“, auch trifft auf ihn die Bezeichnung „Dancing Conductor“ zu, er lebt was er dirigiert, was ein Clip auf youtube eindeutig beweist.

Während wir über Jukeboxmusicals, die Entwicklung am Broadway und dergleichen plaudern, erhält J.R. Post aus London. „Mein neues Projekt“, grinst er. Den Titel sieht man durchblitzen, aber das wars dann aber auch schon mit Informationen. Das Gespräch neigt sich schweren Herzens dem Ende zu, J.R. hätte gewiss noch einiges zu berichten, aber er muss leider weiter. Joseph R. Olefirowicz, der singende und tanzdende Dirigent, ist wahrlich eine Bereicherung für das Musicalgeschehen in Wien. Einer der das Genre kennt, es ernst nimmt und dafür brennt.

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Musical Unplugged 8 in Kottingbrunn

Veröffentlicht: Januar 26, 2014 in Allerlei, Künstler, Konzerte, Neues

Den Terminkalender zur Hand nehmen und falls nicht schon geschehen, den 23.Mai am Besten rot markieren. Musical Unplugged gibt sich erneut die Ehre, diesmal in der Kulturszene Kottingbrunn. Jakob Semotan, Oliver Arno, Martin Pasching und Rory Six werden gemeinsam mit Florian Schützenhofer auf der Bühne stehen und, begleitet von Florian C. Reithner am Klavier, ein bunt gemischtes Programm zum Besten geben. Wem Kottingbrunn kein Begriff sein sollte, der findet hier eine kleine Hilfestellung.

Flyer MU8

Mehr Infos zu Musical Unplugged gibts auf Facebook: www.facebook.com
oder
auf der Homepage: www.musical-unplugged.at
Infos zur Kulturszene Kottingbrunn: www.kulturszene.at

Schon mal was von Petronell- Carnuntum gehört? Nein? Östlich von Wien liegt die Marktgemeinde, welche  Österreichs größtes Römermuseum beherbergt, die Einheimischen schwören auf den hiesigen Weinanbau, einladende Heurigen und schmackhafte Hausmannskost aus dem Gebiet. Das ist aber noch nicht alles, gibt es da noch das Amphitheater Petronell-Carnuntum. Eine stimmige und wetterfeste Location für Konzerte an lauen Sommerabenden und heuer erstmals Herberge für die Konzertreihe Musical-Unplugged. Wer in letzter Zeit einer von diversen sogenannten Musical Galas beiwohnen durfte, bekam es oft mit zweifelhaften Interpretationen, schiefen Tönen, massenhaft Glitzer und Selbstbeweihräucherung, aber weniger mit wahrem Musicalgut zu tun.Zu oft standen sich selbstüberschätzende Künstler und die zweifelhafte Liedauswahl im Vordergrund, das Wesentliche, die Musik an sich blieb da im Hintertreffen.

 Anders bei Musical-Unplugged. Der Dresscode ist simpel, schwarzes Hemd zu schwarzer Hose, elegant ohne aufdringlich zu wirken. Auf Kulissen wird ebenso verzichtet wie auf nichtsaussagende Anmoderationen oder zusammengereimte Memoiren aus Kindertagen. Hier geht es um die Musik, um das, was Musical so besonders macht. Lieder die einen berühren, gesungen von Künstlern die auch in der Lage dazu sind aus ein paar Noten eine Geschichte zum Leben zu erwecken. Ebendiese Mischung an Sängern  hat Schützenhofer gefunden und mit ins Amphitheater gebracht.

Am ersten Abend hatten die Darsteller die Möglichkeit solistisch mit ihrem Können aufzuzeigen, die Gruppe auf der Bühne schaffte es eine Authentizität zu kreieren, die an manch anderem Ort bereits beim Betreten des Saales fluchtartig von einem weicht. Etwaige Textunsicherheiten haben in keinster Weise gestört, sondern den Charme des Gesamtkonstruktes noch ein wenig mehr aufgewertet. Dargeboten wurden Lieder aus diversen allgemein bekannten Musicals, vom Klavier erklang ein Vielfaches mehr als das. Florian C. Reithner ist wohl der personifizierte Alptraum jedes Möchtegern Musicalstars. Zu gern hält er dem Genre den Spiegel vor, verfeinert die Partituren mit musikalischen Anekdoten anderer zumeist sehr bekannter, wenn nicht gar berühmter Kompositionen aus verschiedensten Sparten. Geschickt verpackt ergibt dies ein amüsantes Ratespiel und verweist auf eigentlich unübersehbare Parallelen hin. Wer als Sänger sein Handwerk nicht versteht oder es gewohnt ist jedes Mal zum selben stupiden Click Track zu singen, wird es mit Reithner bedeutend schwer haben, denn der vertieft sich nur all zu gern in sein Spiel, verfeinert manch abgedroschene Musicalnummer mit vorhin erwähnten Nuancen und verleiht dem Ganzen damit zusätzlich eine besondere Note. Seine Finger fliegen quasi über die Tasten und hätte Reithner GoPros über seinen Händen, würde dies mit Sicherheit interessantes Filmmaterial ergeben. Die Protagonisten des Abends wussten allesamt mit ihrem Handwerk umzugehen und es in feinster Art und Weise zu präsentieren. Egal ob Musical-Unplugged Inventar Jakob Semotan, die neu dazugestoßenen Ricardo Greco und Rory Six, Allround-Talent Martin Pasching oder der holländische Vokalkünstler Luv Devens, sie haben mit Reithners Zutun einen unvergesslichen Abend fern ab von Wien kreiert.

©Martin Hofbauer

©Martin Hofbauer

 Musical-Unplugged die Zweite.

Statt Martin Pasching stand an diesem Abend Schützenhofer selbst auf der Bühne. Die Sänger wussten von Beginn an zu gefallen, ebenso Reithner, der wie am Abend zuvor unter Zuhilfenahme seines Klaviers ein musikalisches Kreuzworträtsel aus dem Ärmel zauberte. Ricardo Greco und Rory Six haben mit ihrer Interpretation von TOT ZU SEIN IST KOMISCH (Tanz der Vampire) einen komödiantischen Höhepunkt des Abends erschaffen, keine Doppeldeutigkeit, und sei sie auch nur im Ansatz vorhanden gewesen, haben die beiden ausgelassen und dadurch eine äußerst anrüchige Performance abgegeben, ohne das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Woran viele Darstellerinnen zuvor kläglich gescheitert sind, erschien bei den beiden Herren, als wäre es ein Kinderspiel. Ebenfalls ein Fest fürs Ohr das Frauenterzett WER KANN SCHON OHNE LIEBE SEIN (3 Musketiere). Grecos Stimme ist auch in den Höhen sattelfest und glasklar, Six legt unheimlich viel Pathos in seinen Gesang und Semotan rundet mit seiner warmen Stimme das Hörerlebnis zusätzlich noch ab. Ohne Kostüme, Kulisse oder großes Orchester wurde Musical in Reinform dargeboten. Ihre Stimmen haben sich nicht duelliert, keiner wollte den Anderen übertreffen oder sich in den Vordergrund stellen, es wurde nicht nur gemeinsam, sondern miteinander gesungen, das Lied und die zu erzählenden Geschichten mit Leben gefüllt.

©Martin Hofbauer

©Martin Hofbauer

Unbedingt erwähnenswert und mittlerweile ein Fixpunkt im Musical-Unplugged Programm, das Duell-Duett von Schützenhofer und Semotan. Der Mix aus mehreren Musicalsongs gespickt mit einer Unmenge an Doppeldeutigkeiten und dem Spiel miteinander ist ein erfolgreicher Angriff auf die Lachmuskeln der Zuseher, während Schützenhofer äußerst homophil Semotans Nähe sucht, zieht dieser ohne jegliche Hemmung über seinen Duettpartner her.

Überboten wurde die Schützenhofer/Semotansche Hass-Liebesbekundung aber diesmal durch eine nicht ganz so geplante Aktion. Während Luc Devens GETHSEMANE (Jesus Christ Superstar) trällerte, hatte Reithner mit seinen Noten zu kämpfen, welche sich in der Mitte des Liedes nicht und nicht umblättern ließen. Reithner war somit zum Improvisieren gezwungen und derart begeistert davon, dass er nach Beendigung des Liedes die dazugehörigen Noten vor aller Augen in mehrere Teile zerrissen hat. Ein Bild gewordener Ausdruck von Reithners divergierender Beziehung zum Musical.

Abseits der großen Musicalbühnen des Landes, vor den Toren Wiens, ist es Schützenhofer mit Hilfe von begnadeten Sängern und einem Virtuosen am Klavier geglückt, dem Genre mit einer gehörigen Portion Humor Nachhaltigkeit zu verschaffen, ohne jedoch das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Musical kann mehr als nur bunt, schrill und dämlich sein. Die Lieder erzählen Geschichten, vermitteln Emotionen, sollen den Zuseher erreichen und fesseln, ihn mitnehmen auf eine Reise. Dazu gehört mehr als aufwendiges Bühnenbild, glitzernde Kostüme oder große Namen auf Plakaten, es benötigt vor allem Herz, denn letzen Endes geht es ums Gefühl, dies zu vermitteln ist eine Kunst, die manchen einfach nicht gegeben scheint.

Kunst gibt nichts Sichtbares wieder, Kunst macht sichtbar. (Paul Klee)

Die Homepage zu Musical-Unplugged:  www.musical-unplugged.at

Musical-Unplugged auf facebook.com

Musical-Unplugged auf youtube.com

Infos zum Veranstaltungsort: www.culturcarnuntum.at