Archiv für die Kategorie ‘Theater’

Bei schönem Wetter empfiehlt es sich, vom Stephansplatz die Rotenturmstrasse runterzuschlendern und kurz bevor man den Schwedenplatz erreicht, rechts abzubiegen. Spaziert man den Fleischmarkt entlang, kann man, wenn’s beliebt, dem lieben Augustin, welcher zugegebenermaßen etwas versteckt ist, Geld in seinen Hut werfen, was anscheinend Glück bringen mag. Die Strasse weiter befindet sich, ebenfalls etwas versteckt in einer Seitengasse, das Theater Drachengasse. Warum ist das so wichtig? Nun, da gibt’s zur Zeit Musical, OFF-MUSICAL, zu erleben und zwar echtes Musical, mit Darstellern die singen, spielen und auch tanzen können, einer Band die richtige Musik macht und wo alles, echt alles, authentisch und ob der Größe des Theaters quasi zum Anfassen ist.

Am Spielplan steht Jonathan Larson’s tick, tick…BOOM! in englischer Sprache. Ein autobiographisches Werk des Machers von RENT.

Zum Inhalt:
Jonathans dreißigster Geburtstag steht kurz vor der Tür, guter Grund für eine aufkeimende Midlife-Crisis. Seine Freundin Susan träumt vom Heiraten und davon aus New York wegzuziehen, sein bester Freund Michael hat sich von der darstellenden Kunst abgewendet, verdient sein Geld in der Marktforschung und genießt die Vorzüge einer gut gefüllten Brieftasche. Mittendrin versucht Jon, DAS amerikanische Musical schlechthin zu schreiben, will damit seine Generation wachzurütteln. Leichter gesagt als getan, die Probleme und Aufgaben des Alltags stellen das eine oder andere zu überwindende Hindernis dar.  Jon setzt seine Hoffnung in den Workshop zu seinem Stück „SUPERBIA“ und ist auch bereit, alles was nötig ist in Kauf zu nehmen, um es endlich am Broadway zu schaffen.  Larson schrieb das tick, tick…BOOM! ursprünglich als  Ein-Personenwerk, später, nach seinem Tod, adaptierte es David Auburn für drei Personen.

Die Drachengasse ist erprobt im Umgang mit spannenden Stücken. Die Regisseurin und Produzentin Joanna Godwin-Seidl hat ihre drei Akteure mit viel Energie und Tempo in Szene gesetzt. Auf kleinstem Raum, quasi zum Anfassen nah, erwecken Kieran Brown (Jon), Alan Burgon (Michael) und Nina Weiss (Susan) ihr persönliches New York zum Leben.  Dass Stephen Sondheim so was wie ein Idol für Larson war, lässt sich nebst namentlicher Erwähnung im Stück auch mittels musikalischer Nuancen eindeutig erkennen. Bei der musikalischen Umsetzung wurde auch auf leise Töne, die ruhigen Momente, nicht vergessen. Zur rechten Zeit das Tempo limitieren ist Birgit Zach (Musik Regie) eindeutig gelungen. Klar, Larson’s Musical-Rock muss krachen, er setzt den Klang der Gitarre als Sprachrohr der Generation, welche er ja so gerne mit seinem Stück wachrütteln möchte, ein. Gerade deswegen ist es besonders wichtig, die ruhigen Momente nicht hastig runterzuspielen, sondern wirken zu lassen.  Da ist er der wohlige Kloß im Hals, das eigentlich unbeschreibliche Gefühl, wenn aus Noten plötzlich Musik wird, die unter die Haut geht.

Kieran Brown, kein Unbekannter in der Drachengasse, hat dort schon etwa in WEST END WINTER und WEST END SPRING mitgewirkt und konnte für die Saisoneröffnung erneut nach Wien geholt werden. Brown gibt Jon (Jonathan Larson), den Komponisten und Träumer, welcher kurz vorm mentalen technischen K.O., dem dreißigsten Geburtstag, steht, charmant authentisch. Die Eröffnung der Show trägt Brown mit einer Ruhe vor, die einen auf den Sitzen hin und her rutschen lässt, man spürt, dass etwas in ihm brodelt und noch bevor er zu singen beginnt, hat er einen bereits in seinen Bann gezogen. Was geht in ihm vor, wohin bringt er uns mit seiner Geschichte? Sofort kommt die Antwort wie ein Schlag ins Gesicht, sein dreißigster Geburtstag steht bevor. Mag etwas überzogen erscheinen, aber die magische 3 markiert einen nicht unbedeutenden Punkt in unsrem Leben. Haus, Frau/Mann, Familie, oder in Jon’s Fall sein Broadway Hit, alles Träume die es zu erreichen gilt, Ziele die man sich bereits im Schulalter gesteckt hat und wie viele haben heimlich zu Hause vorm Spiegel mehr als einmal ihre Dankesrede für den OSCAR geübt? Eben. Die 3 hat mehr an sich, als man ihr zugestehen möchte. Kieran Brown ist ein exzellenter Musicaldarsteller, wie man ihn sich nur wünschen kann. Seine Stimme hat Kraft, Charakter und sitzt auch in den leisen Passagen, er harmonisiert im Umgang mit den Kollegen, zeigt eine Präsenz die spürbar ist, selbst wenn das Licht ausgeht.
Ihm zur Seite steht Alan Burgon, ebenfalls Drachengassen erprobt (Ordindary Days), als bester Freund Michael und auch der hat stimmlich einiges zu bieten. Die Freundschaft zwischen Jon und Michael nimmt man den beiden Darstellern von Beginn an ab, es ist nicht dieses „komm wir tun so als wären wir super toll drauf“ Spielchen, sondern sie sind einfach nur Freunde. Kein Kitsch, kein Geschleime, nur Freunde.

Als Dritte im Bunde gibt Nina Weiss die Freundin von Jon. Susan ist Tänzerin, träumt von einem Leben außerhalb der Stadt, kann Jon aber schwer davon begeistern. Weiss spielt nicht nur eine Tänzerin, sie bewegt sich wie eine, sie sieht aus wie eine, kurzum sie ist eine Tänzerin und das Powerbündel in der Runde, ihrem Funkeln in den Augen kann man sich kaum entziehen, es macht Spaß jemandem zuzusehen, der selbst so viel Spaß an dem hat, was er tut. Die Männer hat sie fest im Griff, dass Weiss im Vergleich zu den Kollegen kein Native Speaker ist, fällt einem beinahe gar nicht auf. Ihr Englisch sauber, frei von österreichischen Akzenten und glaubwürdig.

Glaubwürdig war auch die Inszenierung als Gesamtes. Die zu Beginn vorhandene Skepsis ob des Klangerlebnisses wurde rasch vom Tisch gefegt, Joanna Goldwin-Seidl hat das Stück temporeich, aber mit der notwendigen Ruhe und Ernsthaftigkeit umgesetzt, einer Ernsthaftigkeit, welche vielerorts ins Hintertreffen geraten ist. Goldwin-Seidl beweist mit ihrer Inszenierung von tick, tick…BOOM!, dass auch Wien eine OFF-Musical Szene besitzt, die einiges zu bieten hat. Die Spielzeit ist allerdings limitiert, der letzte Termin ist der 12.10.2013, danach ist es zu spät!

©vienna theatre project

©vienna theatre project

Infos zum Stück unter: www.viennatheatreproject.com
oder auf Facebook: www.facebook.com
Die Seite des Theaters: www.drachengasse.at

Der Sommer findet sein Ende, die ersten Blätter verfärben sich bereits, viele Freiluftbühnen blicken auf eine erfolgreiche Sommersaison zurück, nur wenige müssen einen Rückgang der Besucherzahlen hinnehmen und ihre Stückwahl realistisch reflektieren, um im folgenden Jahr nicht erneut hinter den Erwartungen zu bleiben.
Die Volksoper startet noch vor den anderen Musicalbühnen in die Herbstsaison und das gleich mit einem Kracher. SWEENEY TODD steht auf dem Spielplan, Stephen Sondheims Werk über einen rachsüchtigen Barbier im viktorianischen London.

Volksoperndirektor Robert Meyer ist es geglückt, Stephen Sondheim für die Premiere nach Wien zu bringen. Wohl eine Sensation im sonst eher gebeutelten Musical-Wien. Ein Kenner und Könner seines Fachs ist Sondheim ohne Zweifel. Seine Stücke finden sich eher selten auf den Spielplänen großer Häuser, zu hoch sei das Risiko, zu komplex, zu wenig massentauglich. Solche und ähnliche Aussagen werden nicht selten von Musicalproduzenten getroffen. Auf die Frage, was denn ein Sondheim Publikum sei, antwortete dieser: A more sophisticated audience!
Eben genanntes Publikum (Angaben ohne Gewähr) fand sich auch am Premierenabend in der Volksoper ein, um, in Anwesenheit des Erschaffers, dem Gemetzel in der Fleet Street beizuwohnen.

Die Londoner Fleet Street gibt es übrigens wirklich. In der Geschichte der britischen Presse ist sie fest verankert. Viele große Nachrichtenagenturen hatten über  Jahre hinweg ihren Sitz in der Fleet Street. Mittlerweile befinden sich dort Anwaltskanzleien und Gerichtsgebäude, auch ein nicht gerade unblutiges Business.

Matthias Davids inszeniert düster und bedrohlich. Dessen Sweeney Todd (Morten Frank Larsen) gibt kaum Einblick in sein Seelenleben, stapft getrieben von Rache über die Bühne, so, dass es zu Beginn ein wenig steif rüber kommt.

© Barbara Pálffy/Volksoper

© Barbara Pálffy/Volksoper

Besagte Steifigkeit hält Larsen das gesamte Stück über aufrecht, beinahe möchte man Mitleid empfinden für den etwas plump auf der Bühne auf und ab rennenden, armen Barbier, Opfer ungerechter Gräueltaten Richter Turpins. Aber nur beinahe. Larsens Stimme, sein unendlich tief greifender Bariton bringt die Grausamkeit, die von Todd ausgehende Bedrohung, so richtig zur Geltung. Die Mischung aus steifem, ja beinahe tollpatschigem Habitus und kräftig dunkler Stimme erschafft einen etwas anderen Sweeney Todd, aber einen, den man einfach fürchten muss. Larsen sprach vorab in einem Standard Interview darüber, dass man gerade bei Stücken wie Sweeney Todd Mut zur Hässlichkeit haben muss, auch beim Gesang. Hässlich gesungen hat Larsen bei Weitem nicht, an manchen Stellen die Kraft gezügelt und wo es passt auch mal den Text mehr gebrüllt denn gesungen.

Vorzüglich seine Technik, lediglich die Abmischung mit dem Orchester ist an manchen Stellen etwas misslungen, was die Textverständlichkeit ein wenig erschwerte. Apropos Text. Es handelt sich hier um eine deutschsprachige Produktion, folglich wird auch auf Deutsch gesungen, was gerade bei Stücken wie Sweeney Todd eine Herausforderung darstellt. Sondheim selbst sprach bei der Pressekonferenz von eben dieser Schwierigkeit, die ein Übersetzer zu bewältigen hat. Während bei anderen Stücken genügend Zeit in der Musik bleibt, um die Botschaft zu transportieren, ist diese bei Sweeney Todd Mangelware. Nicht nur der Übersetzer, auch die Darsteller sind gefordert. Verständlichkeit und Textsicherheit sind gerade bei Sondheim Stücken von großer Wichtigkeit, zu schnell verliert man den Faden, wenn Darsteller phonetische Defizite aufweisen und wichtige Passagen sich in der Unverständlichkeit verlieren.
Unangenehme Erscheinungen, welche einem in der Volksoper erspart blieben.
Neben Larsen geigt Dagmar Hellberg als durchtriebene und skrupellose Mrs. Lovett ordentlich auf. Hellberg ist die Rolle nicht fremd, sie hatte bereits mehrmals zuvor das Vergnügen Pasteten unters Volk zu bringen. Hellberg versteht es, sich Rollen eigen zu machen. Schamlos und frei von jeglichem natürlichen Ekelgefühl umschmeichelt und umgarnt sie Sweeney Todd. Mrs. Lovetts teuflischen Plan, Menschenfleisch für ihre Pasteten zu verwenden, präsentiert sie unerlaubt charmant, man vergisst beinahe, dass es Menschen sind, die getötet, zu Pasteten verarbeitet und als solche an hungrige Kunden verkauft werden. Eine abartige Geschäftsidee, doch Hellberg versteht es, ihren Barbier und zumindest für einen kurzen Moment auch das Publikum davon zu überzeugen, dass Mrs. Lovetts Plan profitabel und logisch ist.
Hellberg ist die Idealbesetzung schlechthin, schauspielerisch wie gesanglich immer am Punkt, schafft mit Leichtigkeit Authentizität und erhält zu Recht frenetischen Applaus für ihre Darbietung.

Ebenfalls mit von der Partie Direktor Robert Meyer als wahrlich boshafter Richter Turpin. In Zeiten wie diesen, wo Themen wie Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und dergleichen immer wieder in den Medien präsent sind, wirken manche Szenen von Richter Turpin besonders erschreckend und aufwühlend, besonders, wenn dieser seinem Büttel Bamford (Kurt Schreibmayer) eröffnet, sein Mündel Johanna (bezaubernd Anita Götz) ehelichen zu wollen und Bamford das Vorhaben nicht mal im Ansatz hinterfragt, sondern befürwortet und den Richter sogar bestärkt.

Abstoßend und widerlich ist Robert Meyers Richter, wenn auch bei seiner Selbstgeißelung etwas zu zaghaft strotzt er vor Boshaftigkeit, die bis in den Zuschauerraum spürbar ist. Meyer ist gelernter Schauspieler und als solcher in der Lage, die unterschiedlichsten Charaktere glaubhaft zu verkörpern. Mag sein dass einige seine Besetzungsphilosophie kritisieren, Meyer könnte auch einen Stuhl spielen und man würde ihm mit Freuden dabei zusehen.

Ebenfalls erschreckend authentisch Patricia Nessy in der Rolle der Bettlerin Lucy, Sweeney Todds durch Richter Turpin geschändete Ehefrau ist zwar keine zentrale, aber dennoch sehr tragische Figur. Zerrissenheit, Verzweiflung, Not und Elend, all das wusste Nessy gekonnt zu transportieren und trotz ihres eher unansehnlichen Erscheinungsbildes zu gefallen.

Für Nachhaltigkeit gesorgt hat auch Tom Schimon (Tobias Ragg). Seine Stimme ist passend für den juvenilen Charakter, welchen er mit viel Naivität und zeitweise sogar ein wenig minderbemittelt präsentiert. Schimon muss sich nicht hinter seinen Bühnenkollegen verstecken, sein Spiel ist charmant und erfrischend, hat aber auch düstere Elemente.

© Barbara Pálffy/Volksoper

© Barbara Pálffy/Volksoper

Das Geschehen auf der Bühne wäre nur halb so gut, wenn da nicht das große Orchester wäre.
Unter der Leitung von Joseph R. Olefirowicz spielt der Klangkörper der Volksoper groß auf und serviert dem Premierenpublikum einen musikalischen Leckerbissen nach dem anderen.
Dies ist heutzutage eher selten zu erleben, Kenner des Genres wissen, das an vielen Musicalhäusern gern geschummelt und etwa Musik aus der Dose hinzugefügt wird.
Olefirowicz weiß wie man einen Sondheim zu spielen hat, diabolische Elemente erfüllen ebenso den Raum wie lieblichere Themen, Orchester und Sänger erschaffen eine Harmonie, in der beide Elemente Raum erhalten, ohne dem anderen Platz zu rauben.

Die Volksoper legt die Latte mit Sweeney Todd sehr hoch. Österreichs Medienwelt spricht bereits von einer beachtlichen Konkurrenz für die Musicalbühnen der VBW.
Sondheims Werk verlangt auch vom Zuseher einiges ab, man muss sich auf die Geschichte einlassen, bereit sein mitzudenken und sich nicht nur berieseln zu lassen. Sondheim nimmt das Genre ernst und erwartet dies auch von seinem Publikum.

Also, sophisticated enough? Dann ab ins Haus am Gürtel denn es gibt wieder Musical in der Stadt.

Infos zum Stück: www.volksoper.at
Werkseinführung des Hausdramaturgen: www.youtube.com
Die Volksoper auf facebook: www.facebook.com

Die Premiere der österreichischen Erstaufführung von Andrew Lloyd Webbers Musical sorgte bereits im Vorfeld für reges mediales Interesse. Dagmar Koller musste krankheitsbedingt ihr Engagement in der Heimat absagen. Also, kein Besuch der Grande Dame am See. Neben ihr fehlt des Weiteren auch Hardy Rudolz (Max von Mayerling), er musste ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen der Premiere fern bleiben, wird aber anscheinend zu einem späteren Zeitpunkt in die Produktion einsteigen.

Bildschirmfoto 2013-03-31 um 22.17.22Prominente Vertretung wurde alsbald gefunden. Susan Rigvava-Dumas gibt anstelle von Dagmar Koller die gefallene Diva Norma Desmond, würdiger Ersatz, wenn auch nicht ansatzweise mit derselben Medien anziehenden Popularität versehen. Anders sieht es bei Hardy Rudolz „Ersatzmann“ aus. Kein Geringerer als Harald Serafin, auch bekannt als Mr. Wunderbar erweist Klagenfurt mit seinen doch 81 Jahren die Ehre.
Intendant Florian Scholz präsentiert die erste Musicalproduktion nach der Ära Köpplinger und möchte natürlich die Gunst des Publikums erhaschen.
Vieles ist neu im Kärntnerland, der Optimismus der politischen Neuorientierung ist an jeder Ecke zu spüren, so auch im Theater. Die neue Landesregierung wurde am Premierenabend beim Betreten ihrer Loge mit Applaus empfangen und präsentierte sich dem Publikum mit stolz geschwellter Brust. Eine Szenerie, die den Gepflogenheiten des britischen Empires nahe kam. Es bleibt den Kärntnern zu wünschen, dass die Erwartungen einigermaßen erfüllt werden und die Regierung auch weiterhin noch auf so wohlwollende Resonanzen von Seiten der Bevölkerung hoffen kann.
Etwas zögerlicher verhielt sich das Publikum im Bezug auf das gezeigte Produkt. Regisseur Patrick Schlösser, unverkennbar vom Sprechtheater kommend, inszeniert eine Geschichte in der Geschichte und verlangt vom Publikum von Beginn an vollste Aufmerksamkeit. Wer mit der Handlung nicht allzu vertraut ist, (es empfiehlt sich, das Programmheft vor Beginn der Vorstellung genauestens zu studieren) kann durchaus ins Strudeln kommen. Ähnliches passiert auch bei den Ensemblenummern, wenn man versucht, die Gesangssolisten ausfindig zu machen. Es findet derart viel Bewegung statt, dass es an manchen Stellen zu überladen rüberkommt. Wer die Originalversion kennt wird überrascht sein, aber ja, es wird getanzt in der Klagenfurter Inszenierung und das nicht zu wenig. Michael Langeneckert ist verantwortlich für die mal mehr mal weniger choreografierten Tanznummern, zumeist regiert aber die Improvisation. Das gleicht manchmal einem Chaos, stehen doch plötzlich weniger begabte Tänzer im Vordergrund, während sich die geschmeidiger Bewegenden im Hintergrund aufhalten müssen. Besonders wenn an allen Ecken und Enden der Bühne improvisiert wird, wünscht man sich mehr choreografische Handschrift und weniger freie Gestaltung, da dies so mancher Szene einiges an Stimmung und Drive nimmt oder überhaupt den Fokus zu sehr auf sich zieht und die Hauptprotagonisten, welche die Handlung vorantreiben sollen, ins Abseits drängen. Voranzutreiben versucht auch der musikalische Leiter Mitsugu Hoshino das Kärntner Sinfonieorchester, doch wollen die Damen und Herren dem Taktschwung des Japaners wenig Folge leisten. Zeitweise gleichen instrumentale Übergänge einem lang gezogenen Kaugummi. Der Klangkörper arbeitet solide, jedoch ohne großartig zu glänzen. Große Gefühle entstehen nur auf der Bühne, die Musik knallt einem teilweise laut um die Ohren. Im Orchestergraben scheint ein Kampf zu toben welches Register es denn schaffe, sich als Kräftigstes hervorzuheben. Begriffe wie Piano, Pianissimo und Co., welche vom Komponisten bedacht und mit Absicht in der Partitur gesetzt wurden, scheinen ignoriert zu werden, was der an sich glanzvollen Partitur einiges an Zauber raubt.
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Wenn man dann noch mit, sagen wir, nur einem Stimmchen, statt mit einer kräftigen Stimme ausgestattet ist wie etwa Elisabeth Hübert (Betty Schäfer), geht man in den Klangeswogen eben unter. Hübert erweisst sich generell als eher blass, stimmlich kann sie nicht mithalten und schauspielerisch agiert sie ohne Gefühl. Ihr gegenüber steht David Arnsperger als eher untypischer Joe Gillis. Er ist nicht der gestriegelte Schnösel, sondern eher ein harter voller Ironie strotzend und sich selbst Suchender, der den Glauben an Hollywood zwar noch nicht aufgegeben hat, dem die Scheinwelt aber langsam überdrüssig wird. Es ist ein Genuss Arnsperger singen, spielen und auch tanzen zu sehen, jedoch sind Dumas und Hübert keine idealen Partnerinnen für ihn. Während Hübert neben ihm ins Hintertreffen gerät, macht es in den Szenen mit Dumas den Eindruck als sei er für sie kaum anwesend, ist sie doch zu sehr auf ihr eigenes Spiel fixiert und reagiert kaum auf Arnspergers Handeln. Lediglich in ihren Duetten scheint sie ihm ansatzweise Raum zu geben und mit ihm zu singen.
Das Highlight des Abends ist eindeutig Arnspergers Sunset Boulevard zu Beginn des zweiten Aktes. Alles was das Herz begehrt, findet sich in seiner Performance wieder. Die Stimme vermag den Raum für sich einzunehmen und hält den lauten Orchesterklängen ohne Probleme stand. Auch in den Duetten weiß Arnsperger zu glänzen, geht auf seine Gegenüber ein auch wenn diese das nicht tun oder nicht mithalten können, stellt sich nie zu sehr in den Vordergrund, sondern agiert szenendienlich ohne dabei in den Schatten gestellt zu werden. Selbst seine etwas fragwürdig inszenierte Todesszene, was die Regie sich hierbei gedacht hat kann man beim besten Willen nicht erahnen, lässt er nicht ins Lächerliche entgleiten, sondern behält Dynamik, Spannung und Fokus auf dem eigentlichen Konsens des Geschehens.
Ähnliches kann man von Susan Rigvava-Dumas leider nicht behaupten. Seit ihrer Verkörperung der Mrs. Danvers in der Wiener Inszenierung von REBECCA ist sie dem breiten Musicalpublikum ein Begriff, beeindruckend war ihre Interpretation der Mrs. Danvers.
Die Rolle der Norma Desmond stellt hohe Ansprüche, vor allem in schauspielerischer Hinsicht. Den Gefühlscocktail aus Zerrissenheit, Drama, Sehnsucht, manisch-depressiven Ausbrüchen und dergleichen sucht man bei Dumas aber vergebens. Sie schafft es kaum Spannung aufzubauen, ihre Ausbrüche kommen aus dem Nichts und verschwinden sogleich wieder dort hin. Sie singt sehr präzise, legt eine wunderbare Technik an den Tag, aber mehr auch nicht. Sie singt ihre Lieder einfach nur runter, da ist kein Spiel, kein Gefühl, der Funke springt einfach nicht über. Norma Desmond verblasst neben Arnsperger, welchen sie dann zurecht am Ende des Stückes erschießt, um endlich selbst im Mittelpunkt zu stehen. Dumas ist eine passable Alternative zu Dagmar Koller, wenn auch schauspielerisch der Grande Dame alles andere als gewachsen.

Bildschirmfoto 2013-03-31 um 22.28.56 Schwer hatte es zu Beginn des Abends auch Harald Serafin. Seine Rolle des Max von Mayerling hat etwas Düsteres, Undurchschaubares an sich, Serafin ist der breiten Masse jedoch als Frohnatur und Scherzkeks bekannt. Anfänglich wollte ihm kaum jemand den stillen Fadenzieher im Hintergrund abkaufen, aber dann hat er zu singen begonnen. Quasi jeder Österreicher kennt Serafins heisere Stimme und manch einer hat vorab schon Zweifel an den Sangeskünsten aufkeimen lassen. Trotz seines fortgeschrittenen Alters sitzt jeder Ton exakt. Gewiss, das Orchester muss ihm schon sehr entgegenkommen und ab und an mal auf ihn warten, doch gelingt es Serafin seine Rolle authentisch wirken zu lassen. Für Auflockerung sollen Ensemblenummern sorgen, welche durch das meist improvisierte Gehopse erdrückend wirken können. Einen besonders heiteren Moment kreiert das Männerensemble, allen voran Christoph Apfelbeck als fröhlich warmer Herreneinkleider. Er umtänzelt bei „Es zahlt die Dame“ Arnsperger mit graziösem Gehopse und spielt großzügigst mit Regenbogenklischees, was äusserst unterhaltsam, weil nicht ins Lächerliche gezogen, rüberkommt und im Gedächtnis bleibt. Die Umsetzung der Klagenfurter Inszenierung ist spannend, nicht immer sehr griffig, mitunter zu zertanzt, an manchen Stellen langatmig und unsauber inszeniert. Die Besetzung kann sich sehen lassen, sie trägt das Stück mit allen Stärken und Schwächen durch den Abend. Allen voran David Arnsperger, der Glücksgriff der Produktion! Ein derart dramatisches Stück in einem Land wie Kärnten, in dem es von gefallenen Diven ja nur so wimmelt, auf die Bühne zu bringen ist zwar riskant, könnte in der momentanen Situation passender kaum sein.

Alle Infos zum Stück: Stadttheater Klagenfurt
Videobeitrag zur Premiere: Kleine Zeitung