Archiv für die Kategorie ‘Wien’

WIE WIRD MAN SEINEN SCHATTEN LOS?

Veröffentlicht: April 14, 2015 in Musical, Neues, Wien
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Eine Frage, die sich seit der heutigen Pressekonferenz der Vereinigten Bühnen Wien zur Wiederaufnahme von MOZART! Das Musical mehr und mehr aufdrängt. Im Vorhinein wurde ja bereits viel getuschelt und gerätselt, wer denn in die Fußstapfen des seinerzeit unbekannten und für viele unaussprechlichen Darsteller treten wird. (die Rede ist von der Originalbesetzung Yngve Gasoy-Romdal)

Nun, eine kongeniale Interpretation zu kopieren endet meist im Sumpf belangloser Peinlichkeiten, dass scheint auch bei den VBW schön langsam angekommen zu sein. Nach der gefühlt hundertsten Wiederaufnahme von ELISABTEH, oder den Lack und Leder Vampiren war es ein mehr logischer als überraschender Schritt, MOZART! auch wieder nach Wien zu bringen. Prof. Michael Kunze und Sylvester Levay haben ihr Stück von Produktion zu Produktion, wie sie es nennen, weiterentwickelt und im September soll nun dem Wiener Publikum die „Quintessenz“ der gesammelten Werke präsentiert werden. MOZART! in neuem Gewand? Sieht wohl ganz danach aus.

Neben vielen bekannten Gesichtern greift man bei der Besetzung von Wolfgang Amadeus Mozart auf das Erfolgsrezept von damals zurück. Ein, auch in der Szene, frisches Gesicht mit mehr oder weniger einfacher auszusprechendem Namen als damals der von Herrn Gasoy-Romdal wird sich dem Wiener Publikum ab September präsentieren. Oedo Kuipers (man sagt angeblich Udo) heißt der junge Knabe und kommt, wie sollte es anders sein, ursprünglich aus Holland. Seine musikalischen Kostproben bei der Pressekonferenz lassen eine gute Wahl erahnen, seine Stimme klingt vielversprechend und auch sein Auftreten bringt eine Frische mit sich, die dem Stück mit großer Sicherheit gut tun wird.

©Verena Funk

Oedo Kuipers bei der Pressekonferenz zu MOZART! Das Musical ©Verena Funk

Für viel Gesprächsstoff sorgt auch die Besetzung der Baronin von Waldstätten. Ana Milva Gomes ist, da gibt es nichts zu diskutieren, eine hervorragende Sängerin mit großer Stimme und dem nötigen Fingerspitzengefühl fürs Feine, aber Martha Elisabeth, Baronin von Waldstätten ist eine historische Figur und kein fiktiver Charakter wie etwa Chubaka. Mit der historischen Vorlage, sagen wir mal, zu brechen und mit Gomes eine farbige Darstellerin als Baronin zu besetzen mag vielen ein Dorn im Auge sein, aber am Ende vom Tag zählt und ich spreche jetzt nur für mich, dass mich die Person auf der Bühne mit ihrer Darstellung berührt hat, mir ihre Geschichte glaubhaft vorgetragen hat. Da ist mir egal ob die Beste Grün, schwarz oder zartrosa ist, letzten Endes geht es nicht um die Hautfarbe, sondern um das Gefühl und da (ich spreche immer noch nur für mich) fühle ich mich bei Frau Gomes bestens aufgehoben.

Neben einigen erfreulichen Wagnissen setzt man zumindest bei der Besetzung von Hieronymus Colloredo auf Erprobtes. MARK SEIBERT wird den seinerzeit von UWE KRÖGER kreierten Part übernehmen und, das zeigte schon sein Auftritt bei der Pressekonferenz, die Frauenherzen höher schlagen lassen. Eines haben beinahe alle von SEIBERT bisherigen Rollen gemeinsam, er hat sie immer mit starker Brust präsentiert.

Kommen wir zum wohl erfreulichsten Punkt der Wiederaufnahme im neuen Gewand. Der beinahe leergefegte Orchestergraben im Raimund Theater darf sich ab September wieder über reges Getümmel freuen. 27(!) Musiker sollen die Partitur von Levay zum Klingen bringen. Endlich wird Musik wieder von Musikern und nicht von der Konserve gemacht!

Das Leading Team von damals darf sich die neue Inszenierung vorknöpfen, bleibt zu hoffen, dass man nicht wieder in den Farbtopf köpfelt, sondern die Reinkarnation in, von mir aus auch zeitgenössischen Bildern, stimmig zum Leben erweckt.

Zurück zur eingangs gestellten Frage: Den Schatten der damaligen Produktion wird man tatsächlich nur los, wenn man es wagt, neue Wege zu beschreiten und diese mit Bedacht wählt. Das Wiener Publikum ist sich seiner Musicalvergangenheit bewusst und weiß, wann man ihm billiges Futter aus der Konserve anzudrehen versucht. MOZART! hat neben einem echten Orchester (27! das kann man gar nicht oft genug erwähnen) durchaus den Eindruck erweckt, Potential zu haben. Mal sehen was im Herbst davon noch übrig ist. Jetzt gilt es mal die Termine für die kommenden Sommerproduktionen in den Kalender zu übertragen  und die länger werdenden Tage zu genießen. Hmm… ein Eis, das wär eine Idee.

Mehr Infos zur Show: www.vbw.at

Videobeitrag zur Pressekonferenz: www.wienholding.tv

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Scharf drauf, nass zu werden?

Veröffentlicht: November 23, 2014 in Allerlei, Neues, Premiere, Skuriles, Tour, Wien

Dann nichts wie ab in die Halle E im Wiener Museumsquartier. Richard O`Brians Rocky Horror Show, laut, schrill, ein wenig revitalisiert, jedoch genauso ungezogen wie eh und je, lädt dort für kurze Zeit zum Step to the right ein. Wer mit dem Gedanken spielt der Show einen Besuch abzustatten, mit Rocky Horror aber bisher noch nie so auf Tuchfüllung gewesen ist, sollte gewarnt sein. Es könnte durchaus nass werden, lassen sie ihren feinen Zwirn also lieber im Schrank. Pumps und knappe Kleidung entsprechen eher dem Stil der Show und keine Sorge, sie werden nicht allein dortstehen, Rocky Horror ist bekannt für jede Menge Crossdresser im Publikum.

© Jens Hauer

© Jens Hauer

„Rocky Horror is a show about entrances“, erzählt  Riff Raff  Stuart Matthew Price. Wie recht er doch hat. Von Anfang an geht es Schlag auf Schlag. Zuerst sorgt Maria Franzen (Magenta) mit „Sience Fiction, Double Feature“ dafür, dass es einem eiskalt über den Rücken runterläuft. In dieselbe Kerbe schlägt in weiterer Folge Stuart Matthew Price (Riff Raff). Sein kurzes Solo in „Over at the Frankenstein Place“ genügt, um zu zeigen welche Kraft und auch welche Range in seiner Stimme steckt. Seine Darstellung des skurrilen Butlers ist keine billige Kopie der kongenialen Interpretation Richard O‘ Brians, sondern viel mehr die Neuerfindung einer Legende. Das Sahnehäubchen setzt Rob Fowler (Frank’nFurter) der Show auf. Der Brite, zu lang schon nicht mehr in Wien präsent gewesen, beherrscht nicht nur die High Heels auf denen er den gesamten Abend mit Leichtigkeit bestreitet, er beherrscht vor allem seine Stimme, er rockt dass sich die Balken biegen, weiß aber auch mit ruhigeren Momenten umzugehen. Seine Stimme präsentiert sich kräftiger und vitaler denn je. Es scheint, als würde Fowlers Frank’nFurter von Jahr zu Jahr besser, eine Bereicherung für das Stück. Generell handelt es sich bei dieser Rocky Horror Show um ein Konglomerat an großartigen Stimmen. Schade, dass es eine derartige Ansammlung von großartigen Darstellern in einer Produktion immer seltener anzutreffen gibt.

Wer scharf drauf ist nass zu werden, sollte seine Spritzpistole bis an den Rand füllen, Konfetti und Zeitung nicht vergessen, den Lidstrich nachziehen und sich schleunigst auf den Weg ins Museumsquartier machen! Das Musical Feuerwerk bleibt nur bis zum 14. Dezember in der Stadt und das sollte man sich, nein, das darf man sich einfach nicht entgehen lassen. Ein Klassiker mit hochkarätiger Besetzung die süchtig macht und alles andere als BORING ist.

 

Infos zur Show: www.rocky-horror-show.de

Tickets zur Show: oeticket.com

An American in Europe!

Veröffentlicht: Februar 8, 2014 in Allerlei, Künstler, Volksoper, Wien

Die Rede ist von Joseph R. Olefirowicz, dem Taktgeber von Musicals wie SWEENEY TODD oder GUYS and DOLLS an der Wiener Volksoper. Unser Gespräch findet im Anschluss an eine Bühnenprobe von GUYS and DOLLS statt und Olefirowicz kommt aus dem Schwärmen kaum noch heraus. „Tolles Stück, super Musik, wunderbare Künstler im Graben und auf der Bühne“, sprudelt es förmlich aus seinem Mund heraus. Seine Leidenschaft ist derart ansteckend, dass man am liebsten losrennen und sofort Karten kaufen möchte. Hier spricht ein Mann der das Genre nicht nur kennt, sondern es auch schätzt.

Europäischen Boden hat der aus Massachusetts stammende US-Amerikaner erstmals 1994 im Rahmen einer Tournee  von Leonard Bernsteins ON THE TOWN betreten und sich gleich entschlossen für länger zu bleiben.Die Liste der von ihm geleiteten Musicals ist lang und sehenswert. Er hat, noch zu Zeiten in denen STELLA den Musicalmarkt Deutschlands beherrschte, seinen Taktstock etwa bei MISS SAIGON, DIE SCHÖNE UND DAS BIEST, DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME oder auch STARLIGHT EXPRESS geschwungen und mit Ausnahme vom Rollschuhdauerbrenner in Bochum, wo nie mehr als 17 Musiker im Graben waren, immer Musicalorchester geleitet die in etwa 25 Mann/Frau stark gewesen sind. Leider ist diese Menge an Musikern an den kommerziell geführten Häusern immer seltener anzutreffen. Es gibt laut Olefirowicz aber auch positive Entwicklungen zu verzeichnen, er weist darauf hin, dass die Vielzahl an deutschsprachigen Darstellern auf der Bühne nicht immer selbverständlich war, sondern sich erst in den letzen Jahren etabliert hat.

Desweiteren betont Olefirowicz, nicht unbegründet stolz, dass während der Zeit in der er an klassischen Häusern Musicalproduktionen betreut die Orchesterbesetzung stetig zunimmt. Für SWEENEY TODD etwa sind 47! Musiker im Graben um Sondheims Melodien erklingen lassen. Ein Grinsen kann sich J.R. Olefirowicz dabei natürlich nicht verkneifen, die Freude ein solch großes, das wohl größte Musicalorchester Wiens, leiten zu können, steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Wenn wir schon beim Thema Orchester sind kommen wir nicht dran vorbei über die jüngsten Geschehnisse am heimischen Musicalsektor zu sprechen. Orchesterkürzungen die mittlerweile niemand mehr verleugnen kann (siehe etwa MAMMA MIA!) treffen ihn mitten in seine Musikerseele. Für die deutschsprachige Erstaufführung von NATÜRLICH BLOND hat Olefirowicz tröstliche Worte, es sei eine tolle Produktion gewesen, er habe sich wunderbar unterhalten auch wenn ihm die deutschen Texte nicht wirklich zugesagt haben und er fände schade, dass es nicht funktionierte. LOVE NEVER DIES hingegen sei wunderbar gewesen und er geht sogar soweit zu behaupten, es sei eine der besten Partituren, die Andrew Lloyd Webber jemals geschrieben hat. Getragen wurde das Ganze von einem wunderbaren Orchester in Höchstform, welches man in dieser Form vielleicht zum letzen Mal erleben durfte. Wir bleiben ein wenig beim Thema Vereinigte Bühnen Wien und deren Entwicklung hängen, dann sagt J.R. Olefirowicz etwas sehr Spannendes und regt damit durchaus zum Nachdenken an, denn er sieht die Zukunft von ernstzunehmenden Musicals vermehrt in Häusern wie der Volksoper. Hier stoppt der Lesefluss. Wer seinen Augen nicht traut oder glaubt sich verlesen zu haben, sollte die vorherigen Zeilen einfach nochmals lesen. J.R. trifft damit voll ins Schwarze. Er spricht von ernstzunehmenden Musicals mit anspruchsvollen Geschichten, die das Publikum fordern und es nicht mit von fadisierenden Melodien begleitetem sinnfreien Gehopse und undefinierbarem Gesangsbrei aus der Dose langweilen.

J.R.Olefirowicz durfte die Premiere von SWEENEY TODD unter Beisein des Machers, Stephen Sondheim, leiten. Ein, wie er sagt, ganz besonderer Moment in seiner Karriere, die sehr früh begonnen hat. J.R. war als Kleinkind schon eng mit dem Theater und der Musik verbunden. Mit 23 war er etwa, wie er es nennt, „Chef“ bei STARLIGHT EXPRESS, „viel zu jung“ wirft er sofort ein und doch möchte er die Zeit keinesfalls missen, wenn er auch vielleicht einiges anders machen würde. „Die menschliche Reife war noch in der Entwicklung, ganz zu Schweigen von den damals noch fehlenden Sprachkenntnissen.“ Verändert habe sich seine Herangehensweise an ein Stück über die Jahre kaum, er sei aber ruhiger geworden und überlege mittlerweile zweimal vor dem Korrigieren des Orchesters. Zuerst hören und dann erst Kritik anbringen, etwas das sich laut J.R.Olefirowicz erst mit der Zeit einspielt.

©Barbara Pallfy

Stephen Sondheim im Gespräch mit Joseph R. Olefirowicz

J.R. ist ein Dirigent dem kein Sänger etwas vormachen kann, er verfügt über eine Gesangsausbildung. Schwer sei es für ihn bei den Proben nicht zu viel mitzusingen, das gesteht er gleich ein, doch er kann nachvollziehen was Sänger teilweise durchmachen, versteht ihre Problematik und kann mit Rat und Tat zur Seite stehen. Gesangsverständnis, so sagt Olefirowicz, kommt im kommerziellen Musiktheater immer häufiger zu kurz, die Fähigkeit zu singen sei nichts, was einem in die Wiege gelegt werden kann. Gewiss, Talent haben manche mehr und manch andere weniger, aber das Singen an sich und der Umgang mit der Stimme muss erlernt werden, denn wie es klingt wenn die Stimme nicht macht was der Darsteller will, davon können viele Theaterbesucher bereits ein Lied singen.

Zurückkommend auf Stephen Sondheim erzählt J.R., dass der große Meister sehr zufrieden gewesen sei mit der Inszenierung und was die Orchestrierung betrifft, so hatte er 2! (andere schreiben ganze Bücher voll mit Anmerkungen) Änderungsvorschläge. Einen, so Olefirowicz, habe er umgesetzt, den anderen aber ad acta gelegt, da dieser aufgrund der deutschen Sprache und ihrem Silbenreichtum einfach unmöglich sei. Die Zusammenarbeit mit Regisseur Matthias Davids habe Olefirowicz übrigens sehr genossen, er spricht von einer selten zu findenden Synergie zwischen Regie und musikalischer Leitung. SWEENEY TODD konnte beim Pulikum punkten, Grund genug weitere Sondheimstücke zu etablieren. Das Publikum sei bereit dafür, befindet Olefirowicz, er spricht den Theaterbesuchern des Landes quasi ein Kompliment aus wenn er sagt, „das deutschsprachige Publikum will gefordert werden.“ Dass er mit seinem Taktstock einiges bewegen kann ist J.R. Olefirowicz bewusst, dennoch betont er immer wieder, dass die Kunst von den Musikern und den Sängern kommt, er selbst bezeichnet sich und seine Tätigkeit als „Facilitator“ oder auch „menschliches Metronom“, auch trifft auf ihn die Bezeichnung „Dancing Conductor“ zu, er lebt was er dirigiert, was ein Clip auf youtube eindeutig beweist.

Während wir über Jukeboxmusicals, die Entwicklung am Broadway und dergleichen plaudern, erhält J.R. Post aus London. „Mein neues Projekt“, grinst er. Den Titel sieht man durchblitzen, aber das wars dann aber auch schon mit Informationen. Das Gespräch neigt sich schweren Herzens dem Ende zu, J.R. hätte gewiss noch einiges zu berichten, aber er muss leider weiter. Joseph R. Olefirowicz, der singende und tanzdende Dirigent, ist wahrlich eine Bereicherung für das Musicalgeschehen in Wien. Einer der das Genre kennt, es ernst nimmt und dafür brennt.