Archiv für die Kategorie ‘Wien’

Der Sommer findet sein Ende, die ersten Blätter verfärben sich bereits, viele Freiluftbühnen blicken auf eine erfolgreiche Sommersaison zurück, nur wenige müssen einen Rückgang der Besucherzahlen hinnehmen und ihre Stückwahl realistisch reflektieren, um im folgenden Jahr nicht erneut hinter den Erwartungen zu bleiben.
Die Volksoper startet noch vor den anderen Musicalbühnen in die Herbstsaison und das gleich mit einem Kracher. SWEENEY TODD steht auf dem Spielplan, Stephen Sondheims Werk über einen rachsüchtigen Barbier im viktorianischen London.

Volksoperndirektor Robert Meyer ist es geglückt, Stephen Sondheim für die Premiere nach Wien zu bringen. Wohl eine Sensation im sonst eher gebeutelten Musical-Wien. Ein Kenner und Könner seines Fachs ist Sondheim ohne Zweifel. Seine Stücke finden sich eher selten auf den Spielplänen großer Häuser, zu hoch sei das Risiko, zu komplex, zu wenig massentauglich. Solche und ähnliche Aussagen werden nicht selten von Musicalproduzenten getroffen. Auf die Frage, was denn ein Sondheim Publikum sei, antwortete dieser: A more sophisticated audience!
Eben genanntes Publikum (Angaben ohne Gewähr) fand sich auch am Premierenabend in der Volksoper ein, um, in Anwesenheit des Erschaffers, dem Gemetzel in der Fleet Street beizuwohnen.

Die Londoner Fleet Street gibt es übrigens wirklich. In der Geschichte der britischen Presse ist sie fest verankert. Viele große Nachrichtenagenturen hatten über  Jahre hinweg ihren Sitz in der Fleet Street. Mittlerweile befinden sich dort Anwaltskanzleien und Gerichtsgebäude, auch ein nicht gerade unblutiges Business.

Matthias Davids inszeniert düster und bedrohlich. Dessen Sweeney Todd (Morten Frank Larsen) gibt kaum Einblick in sein Seelenleben, stapft getrieben von Rache über die Bühne, so, dass es zu Beginn ein wenig steif rüber kommt.

© Barbara Pálffy/Volksoper

© Barbara Pálffy/Volksoper

Besagte Steifigkeit hält Larsen das gesamte Stück über aufrecht, beinahe möchte man Mitleid empfinden für den etwas plump auf der Bühne auf und ab rennenden, armen Barbier, Opfer ungerechter Gräueltaten Richter Turpins. Aber nur beinahe. Larsens Stimme, sein unendlich tief greifender Bariton bringt die Grausamkeit, die von Todd ausgehende Bedrohung, so richtig zur Geltung. Die Mischung aus steifem, ja beinahe tollpatschigem Habitus und kräftig dunkler Stimme erschafft einen etwas anderen Sweeney Todd, aber einen, den man einfach fürchten muss. Larsen sprach vorab in einem Standard Interview darüber, dass man gerade bei Stücken wie Sweeney Todd Mut zur Hässlichkeit haben muss, auch beim Gesang. Hässlich gesungen hat Larsen bei Weitem nicht, an manchen Stellen die Kraft gezügelt und wo es passt auch mal den Text mehr gebrüllt denn gesungen.

Vorzüglich seine Technik, lediglich die Abmischung mit dem Orchester ist an manchen Stellen etwas misslungen, was die Textverständlichkeit ein wenig erschwerte. Apropos Text. Es handelt sich hier um eine deutschsprachige Produktion, folglich wird auch auf Deutsch gesungen, was gerade bei Stücken wie Sweeney Todd eine Herausforderung darstellt. Sondheim selbst sprach bei der Pressekonferenz von eben dieser Schwierigkeit, die ein Übersetzer zu bewältigen hat. Während bei anderen Stücken genügend Zeit in der Musik bleibt, um die Botschaft zu transportieren, ist diese bei Sweeney Todd Mangelware. Nicht nur der Übersetzer, auch die Darsteller sind gefordert. Verständlichkeit und Textsicherheit sind gerade bei Sondheim Stücken von großer Wichtigkeit, zu schnell verliert man den Faden, wenn Darsteller phonetische Defizite aufweisen und wichtige Passagen sich in der Unverständlichkeit verlieren.
Unangenehme Erscheinungen, welche einem in der Volksoper erspart blieben.
Neben Larsen geigt Dagmar Hellberg als durchtriebene und skrupellose Mrs. Lovett ordentlich auf. Hellberg ist die Rolle nicht fremd, sie hatte bereits mehrmals zuvor das Vergnügen Pasteten unters Volk zu bringen. Hellberg versteht es, sich Rollen eigen zu machen. Schamlos und frei von jeglichem natürlichen Ekelgefühl umschmeichelt und umgarnt sie Sweeney Todd. Mrs. Lovetts teuflischen Plan, Menschenfleisch für ihre Pasteten zu verwenden, präsentiert sie unerlaubt charmant, man vergisst beinahe, dass es Menschen sind, die getötet, zu Pasteten verarbeitet und als solche an hungrige Kunden verkauft werden. Eine abartige Geschäftsidee, doch Hellberg versteht es, ihren Barbier und zumindest für einen kurzen Moment auch das Publikum davon zu überzeugen, dass Mrs. Lovetts Plan profitabel und logisch ist.
Hellberg ist die Idealbesetzung schlechthin, schauspielerisch wie gesanglich immer am Punkt, schafft mit Leichtigkeit Authentizität und erhält zu Recht frenetischen Applaus für ihre Darbietung.

Ebenfalls mit von der Partie Direktor Robert Meyer als wahrlich boshafter Richter Turpin. In Zeiten wie diesen, wo Themen wie Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und dergleichen immer wieder in den Medien präsent sind, wirken manche Szenen von Richter Turpin besonders erschreckend und aufwühlend, besonders, wenn dieser seinem Büttel Bamford (Kurt Schreibmayer) eröffnet, sein Mündel Johanna (bezaubernd Anita Götz) ehelichen zu wollen und Bamford das Vorhaben nicht mal im Ansatz hinterfragt, sondern befürwortet und den Richter sogar bestärkt.

Abstoßend und widerlich ist Robert Meyers Richter, wenn auch bei seiner Selbstgeißelung etwas zu zaghaft strotzt er vor Boshaftigkeit, die bis in den Zuschauerraum spürbar ist. Meyer ist gelernter Schauspieler und als solcher in der Lage, die unterschiedlichsten Charaktere glaubhaft zu verkörpern. Mag sein dass einige seine Besetzungsphilosophie kritisieren, Meyer könnte auch einen Stuhl spielen und man würde ihm mit Freuden dabei zusehen.

Ebenfalls erschreckend authentisch Patricia Nessy in der Rolle der Bettlerin Lucy, Sweeney Todds durch Richter Turpin geschändete Ehefrau ist zwar keine zentrale, aber dennoch sehr tragische Figur. Zerrissenheit, Verzweiflung, Not und Elend, all das wusste Nessy gekonnt zu transportieren und trotz ihres eher unansehnlichen Erscheinungsbildes zu gefallen.

Für Nachhaltigkeit gesorgt hat auch Tom Schimon (Tobias Ragg). Seine Stimme ist passend für den juvenilen Charakter, welchen er mit viel Naivität und zeitweise sogar ein wenig minderbemittelt präsentiert. Schimon muss sich nicht hinter seinen Bühnenkollegen verstecken, sein Spiel ist charmant und erfrischend, hat aber auch düstere Elemente.

© Barbara Pálffy/Volksoper

© Barbara Pálffy/Volksoper

Das Geschehen auf der Bühne wäre nur halb so gut, wenn da nicht das große Orchester wäre.
Unter der Leitung von Joseph R. Olefirowicz spielt der Klangkörper der Volksoper groß auf und serviert dem Premierenpublikum einen musikalischen Leckerbissen nach dem anderen.
Dies ist heutzutage eher selten zu erleben, Kenner des Genres wissen, das an vielen Musicalhäusern gern geschummelt und etwa Musik aus der Dose hinzugefügt wird.
Olefirowicz weiß wie man einen Sondheim zu spielen hat, diabolische Elemente erfüllen ebenso den Raum wie lieblichere Themen, Orchester und Sänger erschaffen eine Harmonie, in der beide Elemente Raum erhalten, ohne dem anderen Platz zu rauben.

Die Volksoper legt die Latte mit Sweeney Todd sehr hoch. Österreichs Medienwelt spricht bereits von einer beachtlichen Konkurrenz für die Musicalbühnen der VBW.
Sondheims Werk verlangt auch vom Zuseher einiges ab, man muss sich auf die Geschichte einlassen, bereit sein mitzudenken und sich nicht nur berieseln zu lassen. Sondheim nimmt das Genre ernst und erwartet dies auch von seinem Publikum.

Also, sophisticated enough? Dann ab ins Haus am Gürtel denn es gibt wieder Musical in der Stadt.

Infos zum Stück: www.volksoper.at
Werkseinführung des Hausdramaturgen: www.youtube.com
Die Volksoper auf facebook: www.facebook.com

Es gibt Musiker die ihr Instrument beherrschen wie kaum ein anderer, es gibt Sänger derer Stimme man sich nicht entziehen kann und es gibt Komponisten, deren Kompositionen einen nicht mehr loslassen. Rory Six ist einer davon.

WENN ROSENBLÄTTER FALLEN handelt von Krankheit, Leid und Tod. Nichts, worüber man sich etwa beim Abendessen gerne unterhält, nicht unbedingt etwas, das die Massen reißerisch ins Theater zu ziehen vermag, würde man denken.
Zwei CD Aufnahmen und diverse Aufführungen sprechen eine eindeutige Sprache, der Ruf nach Musicals, die sich mit ernsthaften Themen auseinandersetzen, wird zunehmend lauter. Ab September etwa wird das Stück im Theater Hof (in Bayern ganz oben rechts) zu erleben sein.
Doch damit nicht genug. Gemeinsam mit David Nando hat Six eine englische Version erarbeitet. Nicht gerade risikoarm, zeigten doch die jüngsten Geschehnisse am deutschsprachigen Musical Markt, wie schnell man mit einer halbherzigen Übersetzung ein Stück in den Sumpf der Belanglosigkeiten schicken kann. Unlängst lud Komponist Six zum Reading des Stückes.

Um es mal ganz banal und in rosa auszudrücken: „Es benötigt Herz.“ Natürlich auch Verstand und Geschick und das alles vereint Six. Die englische Version „A Summer Rose in Winter“, präsentiert sich geschickt transponiert. Was meine ich damit? Nun, es wurde nicht nur der Text übersetzt, sondern auch an den jeweiligen Charakter angepasst. Satzkonstellation und die Wahl der Wörter verleihen der Rolle zusätzliche Authentizität und lassen sie noch realer erscheinen. Was bei manch anderen Übersetzungen eher an die Verwendung von google translate erinnert, präsentiert sich hier als eigenständiges, in sich schlüssiges Werk.

Zurück zum Reading. Six nahm persönlich Platz am Klavier, nicht ohne zuvor das Publikum darauf hingewiesen zu haben, aufgrund fehlender Probezeit bei etwaigen Fehlern nachsichtig zu sein und wies drauf hin, dass es sich lediglich um ein Reading handle, man also vorrangig nur lesen und singen werde.
Nun, dass der gute Herr Six ein wenig tief gestapelt hat, möge man ihm an diesem Punkt getrost verzeihen. Schon beim ersten Ton war klar, an diesem Nachmittag mehr als nur ein Reading im klassischen Sinne serviert zu bekommen. Es ist immer etwas besonderes, wenn der Komponist selbst sein eigenes Werk zum Besten gibt. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt, hätte Six allein mit dem Klavier den Gesamtscore instrumental zum Besten gegeben, so intensiv, so berührend war sein Spiel.

Jacqueline Braun (ROSE), Marle Martens (IRIS) und Riccardo Greco (TOM) erwiesen sich als homogene Truppe. Braun und Greco interagierten und harmonierten auf eine, für ein Reading unübliche Art und Weise. Tränenreich ihre Interpretation, aufwühlend, ergreifend, aber auch herzerwärmend. Wer würde denn nicht gerne von seiner dahingeschiedenen Mutter Anweisungen in Briefform erhalten.
Die drei haben an diesem Nachmittag gemeinsam mit Six bewiesen, dass man für ein „großes“ Musical keinerlei spektakuläre Kulissen, aufwendige Kostüme oder gar Hunde benötigt. Braun, Martens, Greco, Six, drei Mikros, handgerechte Requisiten, ein Klavier und ein Stück das unter die Haut geht, weil es authentisch wirkt, nicht banal kommerziell gestaltet ist, sondern eine Botschaft beinhaltet und schafft, diese auch zu transportieren.

Six beabsichtigt, sein Stück auch im englischsprachigen Raum aufzuführen. Mit dem Reading in Wien allein ist es freilich nicht getan, aber ein Grundstein ist gelegt und zwar einer, der sich sehen lassen kann.

A Summer Rose in Winter / Wenn Rosenblätter Fallen

Musik: Rory Six
Liedtexte: Kai Hüsgen
Buch: Kai Hüsgen/ Rory Six
Englische Übersetzung: David Nando/ Rory Six
Zusätzliche Texte: Ellen De Clercq

Reading Cast:

Rose: Jacqueline Braun
Iris: Marle Martens
Tom: Riccardo Greco
Klavier: Rory Six

Website von Kai Hüsgen: Kai Hüsgen
Website von Rory Six: Rory Six
Infos zum Spielort Hof: Theater Hof
Die CD auf amazon: Wenn Rosenblätter fallen ( Filipcic, Stelley,Kurt)
Studio Cast CD auf amazon: Wenn Rosenblätter fallen ( Douwes, Scherer, Hohler)
Wenn Rosenblätter fallen auf facebook:facebook/rosenblätter

Die Pressekonferenz der VBW als Audiostream

Veröffentlicht: Mai 27, 2013 in Neues, VBW, Wien

Hier schon mal vorab der Stream der heutigen Pressekonferenz zur Spielzeit 2012/13 der Vereinigten Bühnen Wien.