Es gibt in der Tat Lieder, welche sich, geschickt komponiert und mit viel Herz ausgestattet, im Gehörgang einnisten und von dort nur mehr schwerlich verdrängen lassen und dann gibt es die Sorte Lieder, die man am liebsten so schnell wie möglich wieder aus dem musikalischen Gedächtnis streichen möchte. Ebendiese scheinen einen geradezu zu verfolgen und tauchen an den undenkbarsten Orten immer wieder auf. Wer hätte gedacht, dass sich ausgerechnet bei MUSICAL UNPLUGGED 8, in der Kulturszene Kottingbrunn, ein Schlagerohrwurm der übelsten Sorte im Programm versteckt, um gleichermaßen Freude und blankes Entsetzen auszulösen.

MUSICAL UNPLUGGED gab sich zum ersten Mal in den ehemaligen Stallgebäuden des Wasserschlosses Kottingbrunn die Ehre. Oliver Arno, Jakob Semotan, Rory Six und Martin Pasching bildeten mit Florian Schützenhofer die sangesfreudige Runde, um dem Kottingbrunner Publikum bekannte Musicalmelodien in teils ungewöhnlichem Gewand zu präsentieren. Die Tickets waren schneller vergriffen als die warmen Semmeln beim hiesigen Bäcker. MUSICAL UNPLUGGED ist, zumindest südlich von Wien, mittlerweile zum Publikumsmagnet avanciert.

Aber es gibt längst nicht nur mehr Musical zu hören. Nebst ein wenig geistlicher Musik, von der besonders Jakob Semotan sehr angetan zu sein scheint, gab es für das Kottingbrunner Publikum auch ein wenig Austropop im Programm. Besonders beansprucht wurden auch die Lachmuskeln des Publikums. MUSICAL UNPLUGGED könnte mittlerweile genauso gut als musikalisches Kabarett durchgehen, Florian C. Reithner als biertrinkendes Ein-Mann-Orchester am Flügel ist immer für einen bissigen Kommentar von der Seite gut und hält nur allzugern dem Genre und seinen Machern den Spiegel vor. Mittlerweile quasi fixer Bestandteil des Abends sind die Duette zwischen Jakob Semotan und Florian Schützenhofer. Semotan mit großer Stimme und Schützenhofer mit einer Unmenge an komödiantischem Talent sorgen für Zwerchfellübungen vom Feinsten. Ihr Duell/Duett hat nichts an Unterhaltung und Frische verloren.

Etwas bange wurde mir im Publikum, als sich Semotan für seinen anstehenden musikalischen Auszug vorab schon zu entschuldigen begann, mir schwante Übles und es sollte noch schlimmer kommen. Er stimmte den wohl hartnäckigsten Schlagerohrwurm der Jetztzeit an. Helene Fischers Atemlos, dargeboten von Jakob Semotan, der Abend mit all seinen schönen Melodien war dahin, der nervige Ohrwurm hat sich im Gehörgang eingenistet und breit gemacht. Das Publikum hatte seine Freude dran. Schützenhofer wäre nicht Schützenhofer, wenn er nicht eine kleine Überraschung für sein Publikum parat gehabt hätte. Im Zuschauerraum, quasi für Jedermann/-frau/-wurst sichtbar, hatte Luc Devens, der holländische Stimmakrobat der sich auf Urlaub in Österreich befand, Platz genommen. Nein, das war nicht die Überraschung, Devens erhob zum Beginn von Akt 2 seine Stimme, um gleich zwei Lieder zum Besten zu geben, ehe er wieder, zumindest für diesen Abend, in den Zuschauerraum zurückkehrte.

Einen besonderen Auftritt legte auch der 11 jährige Paul Saminger hin, er durfte gemeinsam mit Ex-Tod Rory Six „Mama wo bist du“ trällern und anschließend als taffer Gavroche dem großgewachsenen Belgier zeigen, wer hier der Boss ist. Aber auch Schützenhofer selbst wurde auf der Bühne eine kleine Überraschung zu teil. Irene Künzel, Intendantin der Kulturszene Kottingbrunn, knöpfte Schützenhofer nach der Pause kurzerhand das Mikro ab, um ein paar Informationen in eigener Sache loszuwerden und um, quasi im Vorübergehen, Schützenhofer zu fragen, ob er und seine Sangesbrüder denn am 29.Mai 2015 schon was vorhätten, andernfalls würde sie sich freuen, MUSICAL UNPLUGGED erneut in Kottingbrunn begrüßen zu dürfen. Schützenhofer sprachlos und das Publikum zu Jubelstürmen hingerissen, ein deutliches Zeichen für den positiven Anklang von MUSICAL UNPLUGGED.

Also, den 29.5.2015 schon mal im Kalender vormerken, Kottingbrunn mit seinem Wasserschloss ist immer eine Reise wert.

 

Mehr Infos zu MUSICAL UNPLUGGED:www.musical-unplugged.at

Infos zur Kulturszene Kottingbrunn: www.kulturszene.at

 

PS: Hier klicken für den unsäglichen Ohrwurm.

The Great White Way

Veröffentlicht: März 14, 2014 in Broadway, Neues, Skuriles

New York ist eine Reise wert. Nebst üblichen touristischen Hotspots, etwa dem Empire State Building, dem Central Park oder Lady Liberty, ist es der Broadway, der mit seiner magischen Anziehung Scharen von Touristen in die Stadt lockt. Aber nicht nur Touristen, auch Theatermacher, Künstler und jene die den großen Sprung schaffen wollen, treiben in der Stadt die niemals schläft ihr Unwesen. New York ist eine Stadt in der alles möglich zu sein scheint. Da trifft man etwa Sarah Jessica Parker beim Shoppen, stößt nach einer Preview von Les Misérables mit Cameron Mackintosh zusammen oder unterhält sich nach der Opening Night von Sweeney Todd (mit u.a. Oscar Preisträgerin Emma Thompson als Mrs. Lovett) mit Neil Patrick Harris über Sondheims Werke. Alltag in New York, wie es scheint.

Ebenfalls Alltag, IF/THEN Hauptdarstellerin Adele Dazeem als Nachbarin zu haben, etwas an das man sich rasch gewöhnt. Der Broadway ist eben anders, ein besonderer Glanz umgibt das Theatre District wenn es Abend wird und all die Leuchtreklamen ihre Wirkung entfalten. Speziell wird es dann, wenn etwa Sir Cameron Mackintosh beginnt über seine Pläne zu plaudern und davon erzählt, dass er jetzt Mary Poppins in Wien machen wird, aber eigentlich viel lieber die neue Version von Les Misérables, welche alsbald ihre Broadway Premiere feiern wird, nach Wien bringen möchte. Im gleichen Atemzug fordert er auf: „Erzähl allen, dass ich die Show machen will, sie sollen dem Theater schreiben, dass das Publikum Les Miz haben will und dann wird das was.“ Sir Camerons Wort in Gottes Ohr, doch weiß der gesellige Producer wohl nicht, dass in Wien die Mühlen nur so mahlen wie das dynamische Duo Drozda/Struppeck es will.
Vielleicht sollte man mit Sir Cameron nochmals bei einer Tasse Tee darüber plaudern.

Um über die Geschehnisse in der Welt des Musicals zu plaudern, habe ich mir einen speziellen Gesprächspartner gesucht. Michael Riedel, Kolumnist der New York Post, hat zwischen einer Aufzeichnung fürs Radio und dem Abgabetermin seiner Kolumne Zeit gefunden, sich mit mir zu treffen. Riedel ist nicht nur der am wahrscheinlich meisten gefürchtetste Kritiker am Broadway, er ist auch mit einer Vielzahl an Details bezüglich der REBECCA am Broadway Geschichte vertraut und ebenfalls sehr an den Vorgängen in Europa und vor allem in Wien interessiert.  Mehr dazu wird es alsbald zu lesen geben, jetzt heißt es erstmal Koffer auspacken, das Erlebte verarbeiten und Vorbereitungen für die anstehende Gala Premiere  in Wien zu treffen.

An American in Europe!

Veröffentlicht: Februar 8, 2014 in Allerlei, Künstler, Volksoper, Wien

Die Rede ist von Joseph R. Olefirowicz, dem Taktgeber von Musicals wie SWEENEY TODD oder GUYS and DOLLS an der Wiener Volksoper. Unser Gespräch findet im Anschluss an eine Bühnenprobe von GUYS and DOLLS statt und Olefirowicz kommt aus dem Schwärmen kaum noch heraus. „Tolles Stück, super Musik, wunderbare Künstler im Graben und auf der Bühne“, sprudelt es förmlich aus seinem Mund heraus. Seine Leidenschaft ist derart ansteckend, dass man am liebsten losrennen und sofort Karten kaufen möchte. Hier spricht ein Mann der das Genre nicht nur kennt, sondern es auch schätzt.

Europäischen Boden hat der aus Massachusetts stammende US-Amerikaner erstmals 1994 im Rahmen einer Tournee  von Leonard Bernsteins ON THE TOWN betreten und sich gleich entschlossen für länger zu bleiben.Die Liste der von ihm geleiteten Musicals ist lang und sehenswert. Er hat, noch zu Zeiten in denen STELLA den Musicalmarkt Deutschlands beherrschte, seinen Taktstock etwa bei MISS SAIGON, DIE SCHÖNE UND DAS BIEST, DER GLÖCKNER VON NOTRE DAME oder auch STARLIGHT EXPRESS geschwungen und mit Ausnahme vom Rollschuhdauerbrenner in Bochum, wo nie mehr als 17 Musiker im Graben waren, immer Musicalorchester geleitet die in etwa 25 Mann/Frau stark gewesen sind. Leider ist diese Menge an Musikern an den kommerziell geführten Häusern immer seltener anzutreffen. Es gibt laut Olefirowicz aber auch positive Entwicklungen zu verzeichnen, er weist darauf hin, dass die Vielzahl an deutschsprachigen Darstellern auf der Bühne nicht immer selbverständlich war, sondern sich erst in den letzen Jahren etabliert hat.

Desweiteren betont Olefirowicz, nicht unbegründet stolz, dass während der Zeit in der er an klassischen Häusern Musicalproduktionen betreut die Orchesterbesetzung stetig zunimmt. Für SWEENEY TODD etwa sind 47! Musiker im Graben um Sondheims Melodien erklingen lassen. Ein Grinsen kann sich J.R. Olefirowicz dabei natürlich nicht verkneifen, die Freude ein solch großes, das wohl größte Musicalorchester Wiens, leiten zu können, steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Wenn wir schon beim Thema Orchester sind kommen wir nicht dran vorbei über die jüngsten Geschehnisse am heimischen Musicalsektor zu sprechen. Orchesterkürzungen die mittlerweile niemand mehr verleugnen kann (siehe etwa MAMMA MIA!) treffen ihn mitten in seine Musikerseele. Für die deutschsprachige Erstaufführung von NATÜRLICH BLOND hat Olefirowicz tröstliche Worte, es sei eine tolle Produktion gewesen, er habe sich wunderbar unterhalten auch wenn ihm die deutschen Texte nicht wirklich zugesagt haben und er fände schade, dass es nicht funktionierte. LOVE NEVER DIES hingegen sei wunderbar gewesen und er geht sogar soweit zu behaupten, es sei eine der besten Partituren, die Andrew Lloyd Webber jemals geschrieben hat. Getragen wurde das Ganze von einem wunderbaren Orchester in Höchstform, welches man in dieser Form vielleicht zum letzen Mal erleben durfte. Wir bleiben ein wenig beim Thema Vereinigte Bühnen Wien und deren Entwicklung hängen, dann sagt J.R. Olefirowicz etwas sehr Spannendes und regt damit durchaus zum Nachdenken an, denn er sieht die Zukunft von ernstzunehmenden Musicals vermehrt in Häusern wie der Volksoper. Hier stoppt der Lesefluss. Wer seinen Augen nicht traut oder glaubt sich verlesen zu haben, sollte die vorherigen Zeilen einfach nochmals lesen. J.R. trifft damit voll ins Schwarze. Er spricht von ernstzunehmenden Musicals mit anspruchsvollen Geschichten, die das Publikum fordern und es nicht mit von fadisierenden Melodien begleitetem sinnfreien Gehopse und undefinierbarem Gesangsbrei aus der Dose langweilen.

J.R.Olefirowicz durfte die Premiere von SWEENEY TODD unter Beisein des Machers, Stephen Sondheim, leiten. Ein, wie er sagt, ganz besonderer Moment in seiner Karriere, die sehr früh begonnen hat. J.R. war als Kleinkind schon eng mit dem Theater und der Musik verbunden. Mit 23 war er etwa, wie er es nennt, „Chef“ bei STARLIGHT EXPRESS, „viel zu jung“ wirft er sofort ein und doch möchte er die Zeit keinesfalls missen, wenn er auch vielleicht einiges anders machen würde. „Die menschliche Reife war noch in der Entwicklung, ganz zu Schweigen von den damals noch fehlenden Sprachkenntnissen.“ Verändert habe sich seine Herangehensweise an ein Stück über die Jahre kaum, er sei aber ruhiger geworden und überlege mittlerweile zweimal vor dem Korrigieren des Orchesters. Zuerst hören und dann erst Kritik anbringen, etwas das sich laut J.R.Olefirowicz erst mit der Zeit einspielt.

©Barbara Pallfy

Stephen Sondheim im Gespräch mit Joseph R. Olefirowicz

J.R. ist ein Dirigent dem kein Sänger etwas vormachen kann, er verfügt über eine Gesangsausbildung. Schwer sei es für ihn bei den Proben nicht zu viel mitzusingen, das gesteht er gleich ein, doch er kann nachvollziehen was Sänger teilweise durchmachen, versteht ihre Problematik und kann mit Rat und Tat zur Seite stehen. Gesangsverständnis, so sagt Olefirowicz, kommt im kommerziellen Musiktheater immer häufiger zu kurz, die Fähigkeit zu singen sei nichts, was einem in die Wiege gelegt werden kann. Gewiss, Talent haben manche mehr und manch andere weniger, aber das Singen an sich und der Umgang mit der Stimme muss erlernt werden, denn wie es klingt wenn die Stimme nicht macht was der Darsteller will, davon können viele Theaterbesucher bereits ein Lied singen.

Zurückkommend auf Stephen Sondheim erzählt J.R., dass der große Meister sehr zufrieden gewesen sei mit der Inszenierung und was die Orchestrierung betrifft, so hatte er 2! (andere schreiben ganze Bücher voll mit Anmerkungen) Änderungsvorschläge. Einen, so Olefirowicz, habe er umgesetzt, den anderen aber ad acta gelegt, da dieser aufgrund der deutschen Sprache und ihrem Silbenreichtum einfach unmöglich sei. Die Zusammenarbeit mit Regisseur Matthias Davids habe Olefirowicz übrigens sehr genossen, er spricht von einer selten zu findenden Synergie zwischen Regie und musikalischer Leitung. SWEENEY TODD konnte beim Pulikum punkten, Grund genug weitere Sondheimstücke zu etablieren. Das Publikum sei bereit dafür, befindet Olefirowicz, er spricht den Theaterbesuchern des Landes quasi ein Kompliment aus wenn er sagt, „das deutschsprachige Publikum will gefordert werden.“ Dass er mit seinem Taktstock einiges bewegen kann ist J.R. Olefirowicz bewusst, dennoch betont er immer wieder, dass die Kunst von den Musikern und den Sängern kommt, er selbst bezeichnet sich und seine Tätigkeit als „Facilitator“ oder auch „menschliches Metronom“, auch trifft auf ihn die Bezeichnung „Dancing Conductor“ zu, er lebt was er dirigiert, was ein Clip auf youtube eindeutig beweist.

Während wir über Jukeboxmusicals, die Entwicklung am Broadway und dergleichen plaudern, erhält J.R. Post aus London. „Mein neues Projekt“, grinst er. Den Titel sieht man durchblitzen, aber das wars dann aber auch schon mit Informationen. Das Gespräch neigt sich schweren Herzens dem Ende zu, J.R. hätte gewiss noch einiges zu berichten, aber er muss leider weiter. Joseph R. Olefirowicz, der singende und tanzdende Dirigent, ist wahrlich eine Bereicherung für das Musicalgeschehen in Wien. Einer der das Genre kennt, es ernst nimmt und dafür brennt.